Als ich das erste Mal von der „Zahnlückenpubertät“ gelesen habe, dachte ich, das sei Quatsch. Nur weil die Kinder natürlich argumentativ weiter entwickeln und ihre Eltern zunehmend hinterfragen, gleich von einer Entwicklungsphase zu sprechen, schien mir übertrieben. Bis der erste Zahn ausfiel, da ging es los. Das Kind wurde erfasst von einem Autonomiewillen der nächsten Ausbaustufe. Nichts was ich erzählte oder wollte, wurde nicht hinterfragt, auf die Goldwaage gelegt oder bezweifelt. Die ersten Wochen in der Schule waren wirklich furchtbar. Da meine Tochter generell recht „aufgeweckt“ ist, war das aber nicht neu für mich, nur schlimmer.  Das sie gleichzeitig mit permanenter Diskussion begann immer wieder den Rückzug in Babyverhalten anzutreten, um doch noch unter Mamas Flügel schlüpfen zu können, war wirklich neu.

So und nicht anders!

Zahnlückenpubertät: Bei uns ein ständiger Wechsel zwischen groß und klein

Eine sehr typische Situation passierte uns in den ersten Wochen in der Schule. Wir waren auf dem Weg zur Bahn und stritten uns intensiv darüber, warum ich bei den Hausaufgaben den Radiergummi ausgepackt hatte, um einige Buchstaben zu korrigieren. Das tut eine gute Mutter nicht, meinte meine Tochter. Mütter, die bereits gemalte, besonders phantasievoll gestaltete Buchstaben wegradieren und ihren Kopf durchsetzen, indem sie auf eine besondere Form und Linienführung bestehen, sind gemein und ganz besonders bösartig! Die meisten anderen Mamas loben ihre Kinder ausschließlich für die Schreibübungen. Und so weiter, volles Programm. Das Kind war wegen meiner Korrektur so voller Wut und redete sich immer mehr in Rage. Meine Hinweise darauf, dass ich seit 40 Jahren lesen und schreiben kann, waren auch nicht hilfreich. Sie trat mit voller Wucht wütend gegen einen Zeitungsverkaufskasten und heulte auf vor Schmerzen.

Zahnlückenpubertät
Wirklich praktisch die Dinger, leider auch sehr stabil

Ich bin eine schlechte Mutter

Ich gebe es zu, ich bin eine schlechte Mutter. Obwohl mein Kind wirklich Schmerzen hatte, huschte ein boshaftes „das hast Du davon -Grinsen“ über mein Gesicht… dicht gefolgt von echtem Mitleid: Das hatte sicher sehr weh getan. Das heulende Kind kam auf mich zu gehumpelt und sagte: „Mama ich hab Aua gemacht“. Ja, die kleine jähzornige Frau Kanzlerin, die mich vorher verbal gekonnt in die Zange genommen hatte und mir ein schlechtes Gewissen eingetrichtert hatte – dabei hatte ich nur auf die korrekte Schreibweise von Buchstabenreihen bestanden – stand heulend vor mir und „hatte Aua gemacht“. Sie fühlte sich schwer verletzt, beschämt vom eigenen Verhalten und der Ungerechtigkeit, der Fuß tat weh, ebenso der Kopf und das Leben als großes Schulkind schien zu schmerzen. Sie wollte getragen werden und dass ich ihr eine Geschichte vorlese.

Zahnlückenpubertät
Alle Freunde mussten mit ins Bett- ist doch klar!

Empathie und Nerven behalten. Nicht immer einfach, aber hilft einfach immer!

Wie gut ich sie verstehen konnte! Wieviel einfacher ist das Leben als Kleinkind. Wenn die eigenen Autonomiebestrebungen noch damit erfüllt werden, sich den Lolli im Supermarkt zu erquengeln oder sich die Jacke alleine anzuziehen. Wenn man noch für jeden Strich auf einem Malblock gelobt wird und so unfassbar niedlich ist, dass man die meisten Konflikte mit Erwachsenen mit einem Augenaufschlag regulieren kann.

Ab ins Bett und Kuscheln

Ich habe es an diesem Tag geschafft das zu tun, was ich mir für die echte Pubertät vorgenommen habe. Locker bleiben. Das gelingt mir bei weitem nicht immer. Aber an diesem Tag war ich gut. Wir warfen unsere Nachmittagspläne über Bord. Gingen ganz langsam und extrem humpelnd nach Hause. Dort haben wir uns ins Bett gekuschelt und gelesen. Kakao haben wir getrunken und auch darüber gesprochen, warum Buchstaben nur dann Sinn machen, wenn sie sich wenigstens ähneln. An solchen Tagen genieße ich es total „nur“ ein Kind zu haben. Zumindest so lange, bis das Kind nur mich hat, um Playmobil zu spielen. Nun.

In der richtigen Pubertät ist ja wohl auch eher das Problem, dass Kinder keine Nähe mehr suchen, sondern sich immer mehr verabschieden. Davor habe ich Angst, noch mehr als vor der Playmobil-Sache.


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