Verlassen

In Familien ist nicht immer alles rosarot. Meine Freundin Kerstin wurde von ihrem Mann verlassen. Sie hat mir erzählt, wie sich das anfühlt. Ich durfte es aufschreiben.

Kerstin ist 37. Sie ist die Mutter von Maja (3) und Lea (10).
Bis vor ein paar Tagen lebte Kerstin mit ihrem Mann in Frankfurt und jeder, der sie so zu viert sah, dachte: Was für eine nette, normale Familie.
Waren sie aber garnicht.
Denn dahinter, hinter der Fassade, hat es gebröckelt.
Da war Streit, da war Meckern und ganz viel “Lass mich in Ruhe!”.
Und dann gab es diesen einen Abend, der alles verändert hat.
An diesem Abend hat Klaus die Tür zugemacht und gesagt, dass er nicht mehr wiederkommt.
Er hat Kerstin verlassen.
Darüber, wie dieser Abend abgelaufen ist, über den Moment der Trennung, wenn wirklich die Tür zuknallt und der andere fort ist, hat sie mir erzählt. Ein Horror.
Wie sie sich dabei gefühlt hat.
Das Gedankenkarussell, das auf so einen Schock folgt.
Dass sie es nicht fassen kann, jetzt so alleine zurück zu bleiben.
Alleine, aber auch zu dritt.

Und dann war er weg

Gerade war er noch hier und es war laut. Viel zu laut.
Ich machte mir Sorgen, dass die Mädels wieder einmal hören könnten, wie wir uns ankeiften. Jetzt aber sitze ich hier auf dem Fußboden im Wohnzimmer und es ist ganz still.
Das letzte, das ich von meinem Mann Klaus hörte, war der furchtbare Knall, mit dem er die Haustür zuschlug.
Klaus ist weg. Er hat uns verlassen.

Dass er nicht mehr kann, hat er gesagt. Dass ihm egal ist, ob wir drei Mädels hier auch ohne ihn klar kommen. Und überhaupt, wir würden das schon schaffen, irgendwie.
Und ja, es klingt wie aus einem Kitsch-Roman, und ich kann es selbst nicht fassen – aber so ist es wirklich passiert. Er hat auch noch gesagt:
“Meine neue Freundin wartet unten im Auto.”
Als wäre es das normalste der Welt.
Wie?
Was?
Freundin?
Auto?
Ich werde wahrscheinlich noch Wochen brauchen, um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen.
Und ich habe keinen Zweifel, dass er es durchzieht. Dass er nicht mehr wiederkommt.

Er hat uns verlassen – nicht nur mich

Aus dem Kinderzimmer höre ich den Räuber Hotzenplotz singen: „Kommt alle her und habt mich lieb, denn in mir schlägt ein gutes Herz. Ich bin ja nur ein kleiner Dieb und vieles ist doch nur ein Scherz.“

Und wer hat mich lieb? Wer liebt mein gutes Herz?
Fragen treiben mich um.
Habe ich Klaus aus dem Haus getrieben? Bin ich mit schuld?
Immer wieder musste ich meckern, streiten und diskutieren.
Aber doch nur, weil ich wollte, dass wir als Team funktionieren.
Auf ihn hat das wahrscheinlich ganz anders gewirkt.
Immer war irgendwas.
Erst letzte Woche hatte er mich gefragt, ob ich ihn nicht bitte einfach mal einen Abend lang in Ruhe lassen könne.

Was bedeutet diese Situation jetzt?
Ich arbeite seit wenigen Monaten wieder halbtags in der Kanzlei.
Endlich war Maja im Kindergarten, und ich konnte wieder loslegen.
Muss ich jetzt Vollzeit arbeiten, ohne Klaus?
Was bedeutet das alles für die Mädels?
Wie soll das gehen?
Die Fragen werden immer drängender und trommeln hinter meiner Stirn.
Ist er wirklich weg?
Für immer?
Will ich ihn zurück?
Und wer ist diese Frau?

In zehn Minuten soll es Abendbrot geben

Das Gedankenkarussell.
Immer schneller.
Was mich erleichtert, aber zugleich auch sprachlos gemacht hat:
Er hat noch nicht mal in Erwägung gezogen, die Kinder mitzunehmen.
Habe eigentlich nur ich mit der Geburt der beiden eingewilligt, ihnen mein Leben zu widmen?
Gilt das nicht für Männer?
Und was soll ich den beiden eigentlich sagen?

In zehn Minuten soll es Abendbrot geben.
Bis dahin muss ich mein Gesicht trocknen und ich brauche einen Plan.
Wir verhält man sich klug in so einer Situation?
Schadensbegrenzung, denke ich.
Aber wer begrenzt eigentlich meinen Schaden?
Wie kann er es wagen, einfach zu gehen?
Dieses Arschloch.

Alle zwanzig Sekunden schaue ich auf die Haustür.
Vielleicht kommt er ja doch wieder?
Vielleicht kann er doch nicht so mies sein.
Vor zwei Wochen hat er noch gesagt, dass er uns über alles liebt.
Trotz der vielen Streitereien.
Wie lange kennt er diese Frau schon?
UND WER IST DIESE FRAU?

Schadensbegrenzung. Ich übe, zu lächeln

Ich renne auf den Balkon.
Und schreie laut.
Druck ablassen.
Dann gehe ich ins Bad, wasche mein Gesicht und übe, vor dem Spiegel zu lächeln.
Wird schon wieder werden.
Tapfer sein, jetzt.

Am Abendbrottisch fragt Lea: „Wo ist Papa eigentlich?“
Ich höre mich sagen: „Der ist nochmal zum Sport gefahren.“
Und könnte mir im selben Moment eine reinhauen für diese Dummheit.
Wie blöd kann man sein?
Spätestens morgen Abend muss ich meinen Mädels eine ehrliche Antwort geben.

Lea, die Große, fühlt ja sowieso, dass etwas nicht stimmt.
Sie steht da, in ihrem Pyjama, drückt mich kurz und sagt, sie würde Maja heute etwas vorlesen.
“Ich mach das schon, Mama. Geh du dich mal ausruhen.”
Mir bleiben bis zum Einschlafen einige Stunden alleine.
Unfassbar alleine.
Um mich zu sortieren.
Mich, die verlassene Ehefrau, die allein erziehende Mutter.
Ich hasse sie schon jetzt, diese neuen Rollen.

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