Ab heute Balkonien!

Früher fand ich die Eltern, die fast vollständig von der Bildfläche verschwanden, sowie der Nachwuchs da war, ganz schlimm. Kaum ein Kind bekommen und schon wurde offenbar der Beschluss gefasst, jedes Wochenende zu Hause zu verbringen. Als ich schwanger war, hatte ich mir fest vorgenommen, dass uns das nicht passieren würde. Man kann ja schließlich auch eine Reise mit Baby machen, ist ja alles nur eine Sache der Organisation. Als ich Mutter war, wurde ich von kinderlosen Freunden gefragt, ob wir jetzt auch nur noch daheim rumsitzen. Ich verneinte das vehement und erinnerte mich an mein Vorhaben.

Gesagt, getan: Das Kind war gerade zwei Monate alt, als wir die tolle Idee hatten, mit dem Auto von München nach Erfurt zum Weihnachtsmarkt zu fahren. Ich habe einige Jahre in Erfurt gelebt und der Weihnachtsmarkt ist so wunderschön und stimmungsvoll, dass ich ihn meinem Mann zeigen wollte.

„Zieht ihr aus?“ – „Nein, wir verreisen mit Baby“

Zu dieser Zeit war unser Auto eine alte, von meinem Schwiegervater geerbte Mercedes A-Klasse. Ja, diese lustigen, kleinen Dinger, die beim berühmten „Elch-Test“ gescheitert sind. Der Kinderwagen passte nicht in den Kofferraum und daher fuhren wir ohne Beifahrersitz. Neben den Fahrersitz passte der Kinderwagen ganz prima und auf der Rückbank nahm ein Elternteil (mit unfassbarer Beinfreiheit) und das Baby in der Schale Platz. Selbst wenn der Wagen in den Kofferraum gepasst hätte: Wir brauchten so eine Menge Gepäck für eine Übernachtung, dass ein ausgebauter Sitz eine gute Idee war. Für Fläschchen, Wasserkocher, Milchpulver, Spülbürste und Spülmittel, Trockentücher, Feuchttücher, Spucktücher, Schnuller, Windeln, Wechselkleidung, Tragetuch und so weiter. Wir benötigten natürlich dicke Schuhe, Jacken und Mützen. Im Nachhinein ein Wunder, dass wir überhaupt alles in dieser fahrenden Nussschale untergebracht haben. Wir stellten das Gepäck vor die Haustür, um das Auto zum Beladen zu holen und ein Nachbar erkundigte sich besorgt, ob wir schon wieder ausziehen wollen.

Schon blöd, wenn es im Winter schneit – wer wäre darauf gekommen?

Die sommerbereifte A-Klasse brummte eifrig durch Bayern. Nicht so schnell, weil sie sich immer mal wieder im Stau ausruhen konnte. Die Familie war trotzdem sonnig – die Reise mit Baby war ein Klacks, vom vielen Gepäck einmal abgesehen. Sowie der Thüringer Wald in Sicht war, wurden mein Mann und mein Kind unruhig. Der Vater, weil die Straße im dichter werdenden Schneefall immer rutschiger wurde, das Kind, weil wir einfach schon einige Stunden im Auto unterwegs waren. Leider konnten wir uns nicht beeilen, ans Ziel zu kommen, weil in der Wetterlage maximal Tempo 30 zu verantworten war. Auch ohne einen Elch, der hinter dem Baum hervorgesprungen kommt, ist es nicht besonders klug, auf einer total verschneiten Autobahn mit Sommerreifen unterwegs zu sein. Ich schaffte es, meinem Mann keine Vorwürfe für diesen Planungsfehler zu machen. Darauf bin ich noch heute stolz. Er war schließlich frisch aus Köln nach Bayern gezogen und keinen Schnee gewöhnt. Trotzdem erwähne ich hier in diesem sehr unauffälligen Satz, dass die Bereifung des Autos seine Zuständigkeit war. Nun.

Wir hatten Glück und konnten hinter einem Schneepflug bis nach Erfurt fahren. Der fuhr ja auch nicht langsamer als wir. Das Kind spuckte im Fünf-Minuten-Takt den Schnuller aus und begann immer wieder zu brüllen. Ja, ich meine nicht Schluchzen, Heulen oder Winseln. Ich meine Brüllen. Wie gut, dass ich hinten auf der Rückbank saß, um den Schnuller immer wieder aufzufangen …

Das Hotel hat dünne Wände

In Erfurt vor dem Hotel machte sich bei uns Erleichterung breit. Endlich geschafft. Das Kind hatte weiterhin die Schnauze voll. Schon der Weg von der Rezeption zum Zimmer war ein Spießrutenlauf. Empörte Blicke, unausgesprochene Verurteilungen und mein schlechtes Gewissen trafen aufeinander. Im Zimmer angekommen schaffte ein frisches Fläschchen etwas Ruhe und ich hörte, wie sich der Zimmernachbar räusperte. Weniger Schallisolierung können auch japanische Papierwände nicht haben. Wie sollte das in der Nacht gehen, wenn das Kind alle zwei Stunden nach Essen schrie? Ich war fix und fertig und verzweifelt. Ganz ehrlich? Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Weihnachtsmarkt an diesem Abend nicht mehr gesehen, aber mein Mann war zuversichtlich, dass wir – mit dem Baby in der Trage vor dem Bauch – noch ein bisschen Weihnachtsstimmung und Romantik haben sollten.

Glückauf, Glückauf

Alles sah gut aus – das Fläschchen und der Stress bescherten uns ein ruhig schlafendes Kind. Nach einer halben Stunde mit Bratwurst und Glühwein standen wir vor den weltberühmten Domstufen, wo eine große Blaskapelle und der Steigerchor sich bereit machten. Es war so wunderschön: die vielen Lichter, Schnee auf den alten Gebäuden, fröhliche Menschen überall. Als der Chor begann und mir das erste Tränchen der Rührung in die Augen schoss (Weihnachten ist bei mir die Heulsaison eröffnet und Arbeiterlieder sind aus mir unerfindlichen Gründen ganz vorne in der Tränenrangliste), setzte die familieneigene Trompete aus der Babytrage ebenfalls ein. Zeitlich synchron, allerdings in unterschiedlichen Tonlagen. Wir eilten zurück ins Hotel.

Die Nacht, die niemals endet

Um den anderen Hotelgästen nicht die Nacht zu stehlen, stellte ich uns alle zwei Stunden einen Handywecker, schlich ins Bad und bereitete auf dem Fensterbrett ein Fläschchen vor. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Hotelbadezimmer eigentlich nie über große Ablageflächen verfügen? Das Baby bekam das Fläschchen quasi in den Mund, noch bevor es die Hungersirene aktivieren konnte. In dieser Nacht wünschte ich mir sehnlich, dass mein doofer Körper für mehr als acht Wochen Milch gehabt hätte. Wie einfach muss es in solchen Situationen sein zu stillen?

Völlig gerädert packten wir am nächsten Morgen unsere Sachen. Wir schauten uns aus halb geöffneten Augen noch ein bisschen die Stadt an und landeten schließlich wieder in unserem Auto. Gestresst, übermüdet, entnervt. Die Rückfahrt ging besser und war deshalb nur für uns eine Qual und nicht für das kleine Mädchen mit den seltsamen Eltern. Gott sei Dank.

Diese Nacht im Hotel hat tatsächlich niemals geendet. Bis heute nicht. Wer auch immer mir einreden wollte, reisen mit Kind sei kein Problem und man könne doch mit Kind ALLES so machen wie vorher, den lache ich aus. „Zwölf Stunden fliegen, dann bei 34 Grad am Strand von Thailand mal alle Fünfe gerade sein lassen.“ Nicht mit uns. Weder zwölf Stunden fliegen, noch solche Temperaturen. Ganz wichtig ist es mir immer richtig zu stellen, dass das vielleicht für andere Familien geht, aber nicht für uns. Das kleine Mädchen ist jetzt schon groß, aber wir fliegen maximal vier Stunden. Weil es ihr völlig egal ist, wo sich ein Strand befindet. Hauptsache sie kann buddeln und verbrennt nicht sofort.

Und weil es mir für alle Zeiten egal ist, wie unfassbar uncool wir sind. Couch-Potatoes, Spießer, was auch immer. Freizeitstress brauche ich nicht. Ich bevorzuge es, wenn alles läuft – egal wie uncool das sein mag. Unsere Freizeit ist dafür da, dass wir als Familie miteinander Spaß haben und eine gute Zeit verbringen. Das finde ich wichtig.

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