Ich verstehe nichts. Jetzt schon nach fünf Jahren Mutterschaft. Mein Kind geht noch nicht mal in die Schule und ich habe bereits jetzt den Faden verloren. Mein Gehirn kommt nicht mehr mit. In welch atemberaubendem Tempo inhalieren Kinder denn bitte Fakten? Wie schnell kann man eigentlich etwas lernen? Was für Fragen stellen die einem denn? “Mama, wieviele Länder hat Europa?” VOR DEM ERSTEN KAFFEE? Ich geh am Stock.

Kürzlich saßen wir bei Kaffee und Cornflakes, ein sonniger Samstagmorgen. Ich war fröhlich und ahnte nichts Böses, als Anna plötzlich sagte: „Mama, ich möchte gerne mal eine Supernova sehen.“ Ich dachte bei mir, mit dem Wort „Bossa Nova“ hätte ich mehr anfangen können und setzte die überzeugendste Variante meines fast schon legendären “wissenden Gesichtes” auf: „Ja, das wäre toll!“

Schon vor ein bis zwei Jahren habe ich mir dieses “wissende Gesicht” antrainiert. Anfangs wollte ich damit überspielen, dass ich viele Kindersätze nicht zu 100% verstanden habe. Und wenn klar war, dass weder etwas gefragt wurde, noch etwas Dringendes zu klären war, sondern dass es mir zum Beispiel das zwölfte rote Auto zeigen wollte, dann war das “wissende Gesicht” unfassbar praktisch. Weil das Gehirn dahinter abschalten kann.

Dann kamen erste Spezialthemen wie die Dinosaurier dazu und die Unterschiede zwischen Kipplastern und Radladern – da nahm die Bedeutung des “wissenden Gesichtes” zu. Nicht dass ich meinem Kind gegenüber generell nicht zugeben möchte, dass ich keine Ahnung habe. Aber von Dinos, Kipplastern und Supernovas habe ich so wenig Schimmer, dass die Gespräche im Nichts verlaufen würden. Das glaubt ihr mir hoffentlich!

Das Kind saß mir also beim Frühstück gegenüber und schwadronierte über die Supernova. Mit der Zeit wurde mir klar, dass es um Planeten, Explosionen und Weltallkram ging. Ein unauffälliger Google-Check brachte mein Gehirn auf Vordermann. Wikipedia sagte mir, dass Sterne kurz vor dem Erlöschen noch mal wie bei einer Explosion besonders hell aufleuchten. So hell wie eine ganze Galaxie, das ist die Supernova. Wieder was gelernt.

Nicht dass ich falsch verstanden werde. Natürlich finde ich es unfassbar toll, dass mein Kind Fakten über Planeten, Dinosaurier, Lastkraftwagen, die Feuerwehr und die Namen von den Ninjago- Helden in Rekordzeit abspeichert. Ich habe auch schon echt viel gelernt dabei.

Aber warum geht das so unfassbar schnell? Ich brauche oft Wochen der Wiederholung, bis ein neuer Begriff in meinem Gehirn angekommen ist und verwendet werden kann! Meine Tochter hört etwas bei der Sendung mit der Maus und reproduziert Worte, Sätze und Zusammenhänge – einfach so. Nur wo die getragenen Socken hingehören, kann sie sich nicht merken. Nun.

Bin ich so alt? Ist es normal, dass ich mir Dinge nicht merken kann? Habe ich zu viele Verhaltensregeln und Koordinaten für Gebrauchtsocken-Lagerung abgespeichert? Ist mein Kopf voll? Manchmal ist mein Kopf tatsächlich zu voll. Dann beklagt sie sich, dass ich gar nicht richtig zuhöre. Dann kann man natürlich nichts lernen ….

Manchmal ist es nicht so wahnsinnig interessant oder meine Lebenserfahrung sagt mir, das Thema wird nur kurz das Leben meines Kindes bestimmen. Wie zum Beispiel bei Ninjago-Helden.

Ich habe mir über die Jahre und mit dem gefühlt stetigen Verlust meiner Gedächtnisleistung angewöhnt, relevante Dinge abzuspeichern. Zu priorisieren. Das ist für mein Kind völlig unverständlich. Wenn man die Welt erst kennenlernt, dann gibt es eine Unmenge interessanter Informationen, die alle aufgesaugt werden wollen. Wenn man erwachsen ist, wird erwartet, dass man sich sehr genau an die Steuererklärung erinnert und Dinosauriernamen nicht mehr so wichtig findet. Schade eigentlich. Ich bin so routiniert darin, Dinge, die im Moment nicht relevant sind, auszublenden, dass ich teilweise völlig vergesse, wenn etwas schon besprochen wurde. Mein Mann kann ein Lied davon singen, er beginnt schon recht häufig Sätze mit den Worten:” Das habe ich Dir doch gestern gesagt!”

Meinem Kind geht es ähnlich. Mit breitem Grinsen teilt sie mir mit, was ich nun schon wieder vergessen habe. „Ach, die kleine Mama ist manchmal wirklich strubbelig im Kopf“, spottet sie dann. Ich, die kleine Mama, wünsche mir Auftraggeber, Finanzämter und Behörden mit dem gleichen Mindset. Jetzt schnappe ich mir erst mal ein Planetenbuch und studiere eingehend die Supernova!

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