Redensarten

Was habe ich sie gehasst, die immer gleichen Redensarten meiner Mutter. Muttiphrasen.

Ich sitze hier vor meiner Kaffeetasse und bin fassungslos. Es ist passiert. Mir, gerade eben. Der Klang meiner Stimme hallt in meinen Ohren nach. Ich versuche mir darüber klar zu werden, ob das wirklich ich war, die gerade zu ihrem Kind gesagt hat: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

Wie ein schmerzhaftes Ritual wiederholte sich diese Phrase jedes Jahr im Frühling, seit ich denken kann. Unzählige Male. Immer, wenn die ersten Sonnenstrahlen mich ins Freie lockten und ich einfach ohne Mütze rauslaufen wollte, sagte meine Mutter diesen Satz: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Was heißt das überhaupt? Ohne die genaue Bedeutung zu kennen, platze der Schwachsinn grade aus mir heraus- in einer Diskussion, ob man schon ohne Mütze raus darf. Oh nein!

Ist es nicht furchtbar? Ich habe meine Mutter geliebt und für vieles was sie gemacht und ausgehalten hat, auch sehr bewundert. Wieviel habe ich von ihr und freue mich drüber. Aber diese dummen Sprichworte? Eine wahre Enzyklopädie für geflügelte Wörter war meine Mutter. Geflügelt, wie die verblödete Schwalbe, die noch keinen Sommer macht.

Wenn das passiert, fühle ich mich wie ein fremder Beobachter meiner selbst. Diese Worte kommen nicht willentlich, sie stolpern von meiner Zunge. Das erschüttert mich regelmäßig, aber mit den meisten Sätzen kann ich damit besser leben als mit der Schwalbe. Hier die Top Mutti- Redensarten, die ich mich in den letzten Monaten so sagen hörte:

  • „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht!“ Das rutschte mir letztens in einem Gespräch mit einer Freundin heraus, die sich große Sorgen um den Wahrheitsgehalt der Geschichten ihres Mannes machte. Sie schaute mich sehr lange und sehr nachdenklich an und sagte: „Alter Schwede, wenn wir uns nicht so gut kennen würden! Diese blöde Phrase würde ich Dir übel nehmen!”
  • „Doppeltgemoppelt, hält besser.“ Dass ich diesen Schwachsinn von mir gegeben habe, merkte ich erst, als das Kind mich fragte, was denn gemoppelt bedeutet. Nun.
  • Ganz erschrocken war ich auch, als ich letztens in meiner verzweifelten Diskussion mit meinem Kind sagte: „Ohne Fleiß, kein Preis“- ob es denn einen Preis von mir bekäme, wenn es lesen übt, wollte das Kind wissen. Äh, oh Mann!
  • Scherben bringen bei mir immer Glück. Egal, was hier fliegt, scheppert und anschließend klirrend zu Boden fällt. Wobei ich sagen muss: die Sichtweise gefällt mir gut. Etwas ist kaputt? Egal, das ist am Ende für etwas gut. Nämlich für Glück! Das ist schön, das behalte ich.
  • Wann immer ich etwas nähe, als Mutti flickt man ja schon mal eine Hose oder befestigt einen Knopf… sofort habe ich „langes Fädchen, faules Mädchen“ im Kopf!! Bisher bin ich hier die Einzige, die einen Faden einfädelt. Manchmal näht mein Mann etwas, aber eine Version des Sprichwortes, die für ihn gilt, gibt es ja nicht… Ich hoffe, ich kann dem Kind diese dumme Phrase ersparen und sie weiterhin nur denken, weil es ja also nicht so viele Gelegenheiten gibt, in der mein Kopf das auswirft.
  • Ich schäme mich ein bisschen. Letztens haben wir einen Stapel Klebe-Tattoos für das Kind gekauft. Piraten, Haifische, Boote und Dinos. Alles stylisch und sehr furchterregend! Man muss die Tattoos anfeuchten und dann auf der Haut trocknen lassen. Das ziept dann offensichtlich und kitzelt auf der zarten Kinderhaut. Es gab einen Mordsterror und ich war genervt. Wer wollte denn die doofen Tattoos? Naja, da ist es mir rausgerutscht. „Wer schön sein will muss leiden.“
  • Wenn mein Mann etwas im Haushalt erledigt, hat er dafür eine grundsätzlich andere Vorgehensweise als ich. Das Ergebnis kann sich immer sehen lassen, der Weg zum Ergebnis ist oft langwierig und für mich manchmal quälend. Weil ich mich nicht einmischen darf, ich alter Klugscheißer. Manchmal brauche ich aber ein Ventil, es ist ja hervorragend innerlich zu lästern, aber das muss trotzdem raus. Also das ist hervorragend für die Beziehung, aber mich befriedigt das manchmal nicht, wenn er mal wieder (ohne für mich nachvollziehbaren Grund) Zwei Stunden lang die Besteckschublade sortiert und gereinigt hat. Was mein Ventil ist? Der gute, alte Satz: „Was lange währt, wird endlich gut.“ Er kann sich den Teil mit dem „Wird gut“ raussuchen und den hören. Ich spreche „was lange währt“ so sorgfältig aus, dass es mir gut tut.

Haben Sie auch solche geheimen Ehetricks? Schreiben Sie mir! 😉

  • „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Noch so ein blöder Satz. Warum eigentlich nicht? Weil man immer, jeden Tag so effizient wie möglich sein muss? Alles, alles immer sofort erledigen? Klar, ich kenne die Vorteile, bei vielen Aufgaben denke ich länger daran, sie zu erledigen als die Aufgabe selbst dauert. Aber hey, ist verschieben nicht menschlich? Trotzdem rutscht er mir raus und zwar im Selbstgespräch. Die größte Herausforderung dabei, dass ich selbstständig bin, ist mich andauernd am Riemen zu reißen. Zu Priorisieren und mich selbst anzutreiben. Ich arbeite in der Regel sehr schnell und bin es gewöhnt mich darauf zu verlassen, dass ich auch in letzter Minute alles noch gut schaffe. Da nur ich mir die Deadlines setze, wird das schwierig, so zu arbeiten. Also gilt für mich seit einiger Zeit: „Was Du heute kannst besorgen…“ Nur manchmal, da mache ich eine Ausnahme und lasse „Fünfe grade sein“…. Noch so ein Satz!
  • Das Kind steht sich manchmal im Weg. Mit Eigensinn, Bockigkeit, mit einem feinen Gespür dafür, sich selbst den Spaß zu versauen, indem es sich nur schwer auf Neues einlässt. „Dann halt nicht, jeder ist seines Glückes Schmied.“ Dieser Satz hat mich letztens ohne Vorwarnung verlassen. Das Kind heulte, weil es gar kein Schmied ist. Ich war peinlich berührt und versuchte zunächst den Satz und dann den Zusammenhang zu erklären, warum ich das gesagt habe. Naja am Ende sind wir zum 200.789 Mal auf den selben Spielplatz gegangen, auf den es immer will. „Ganz schön langweilig hier“, hörte ich und der Schmied huschte wieder in meinen Kopf.

Den geschenkten Gaul habe ich als Redensart nicht auf der Zunge, aber dafür habe ich schon Pferde kotzen sehen vor der Apotheke. Man kann sich ja auch nicht gegen alles wehren, was man in der Kindheit eingeatmet hat. Warum auch? Ich habe auch so viel Schönes von meiner Mutter gelernt, nicht nur sinnlose Phrasen!

Wie man einen ganzen Pulk schlecht gelaunter Menschen auflockert, zum Beispiel. Oder wie man ganz still in der Sonne sitzt und atmet. Das es nichts Schöneres gibt als einen richtigen Sommerregen- außer vielleicht die Vögelchen, die morgens im Sommer so eifrig singen.

Und ganz wichtig: Immer erst aufregen, wenn man sich ganz sicher ist, dass etwas Schlimmes passiert ist. Nicht schon vorher, solange man nur etwas ahnt. Sonst versaut man sich unter Umständen gute Lebenszeit. Ja, das sind auch Weisheiten meiner Mutter. Gut, dass ich die gelernt habe. „Wo Sonne ist, ist Schatten“ würde sie jetzt sagen und mich frech angrinsen.

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