Mutter werden

Gin-Tonic-Talk:

Ich saß letztens mit meiner Freundin Janina zusammen. Wir sehen uns nicht so oft – sie ist in Köln, ich bin in München.

Meine Freundin hat keine Kinder, lebt ein unabhängiges Single-Leben und hat jeden Tag den Spaß, den sie möchte. Sie bereut es, glaube ich, kein kleines bisschen, nie Mutter geworden zu sein, weil sie allein ganz hervorragend klarkommt. Trotzdem ist sie offensichtlich neugierig, zumindest wenn genug Alkohol im Spiel ist. 🙂

Dieses Gespräch war so lustig – es war ein neues Gefühl für mich, interviewt zu werden. Aber Janina hat darauf bestanden! Ich veröffentliche das hier so, wie wir es aufgenommen haben. Quasi “live on IPhone”. 🙂

Vielleicht gibt es ja auch einige Frauen da draußen, die die eine oder andere Frage schon lange mal beantwortet haben wollten. Oder ihr schmunzelt einfach. Na ja, wie dem auch sei. Bei der ersten Frage hatten wir bereits zwei Gin Tonic intus:

Sag mal, Anke: Wie hast du eigentlich gemerkt, dass du bereit für ein Kind bist? Es war bei dir ja ziemlich spät und ich habe mich immer gefragt, wie du denn gemerkt hast, dass es mit 41 an der Zeit ist, ein Kind zu kriegen?

Ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha ha. Weißt du: gar nicht. So als Mutter: Kaum hast du so einen Fötus im Bauch, fragt dich keiner mehr. Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass ich bereit bin, Mutter zu sein. Ich wusste auch überhaupt nicht, was es bedeutet, Mutter zu sein. Ich war einfach schwanger. Und genau zu diesem frühen Zeitpunkt beginnt die Krux der Mutterschaft. Du triffst deine Entscheidungen nicht mehr für dich selbst. Natürlich denkst du nicht aktiv darüber nach, aber genau das ist der Punkt. Es fragt dich keiner mehr. Du hast einen Fötus im Bauch. Das ist ein zukünftiges, kleines Wesen! Das kommt nicht auf die Welt, wenn du dich dagegen entscheidest. Wirkt da nicht jedes noch so berechtigte Argument gegen ein Kind erst mal total egoistisch?

Die größte, riesige Entscheidung, die man als Frau wohl treffen kann. Ich finde es gut, dass Frauen die Entscheidung bis zu einem gewissen Punkt treffen können. Das will ich damit nicht in Abrede stellen. Aber überlege mal, welche Tragweite so eine Entscheidung hat.

Wie viele hundert andere Entscheidungen, die du als Mutter später noch treffen musst. Weil man halt diese absolute Verantwortung für einen anderen Menschen hat. Schwangerschaft ist also eine gute Vorbereitung auf das Muttersein.

Findest du nicht, dass ihr Mütter dieses spezielle Ding „Mutterschaft“ immer so wahnsinnig betont, dass das auch was Arrogantes hat? Als gäbe es Dinge, die eine Frau ohne Kinder nicht kann. Das geht ja so weit, dass ich als „Nicht-Mama“ bezeichnet werde – als ginge es im Leben einer Frau ausschließlich darum!

Ich glaube, an deinem Vorwurf ist schon was dran. Mich hat das, als ich noch nicht Mutter war, auch immer total genervt. Als ob die Lebenserfahrung, Scheiße von der Wand zu putzen und vollgekotzt zu werden, etwas ist, das das Leben veredelt. Ich befürchte, dass man das als Mutter tatsächlich so erlebt. Du gehst als Mutter durch derartig verrückte Situation, die du selbst nicht kontrollierst, dass du dir vorkommst, als hättest du Superkräfte. Nur weil du es aushältst.

Das Zeug verleiht auch Superkräfte. 😉

Dann stellst du das mit den Superkräften selbst infrage?

(Grinst) Nein, natürlich nicht!! Ich ziehe mich auf mein arrogantes Muttersein zurück! Ich denke mir, ihr Frauen ohne Kinder habt es zwar viel leichter, weil ihr nicht durch diese unkontrollierbaren Situationen gehen müsst, aber dafür fehlt euch einfach auch etwas im Leben. Diese Tiefe, diese Menge an Gefühlen, die große Liebe. Dieses ganz spezielle Mutter-Kind-Ding. Ja ja, ich weiß, du verdrehst die Augen. Ich glaube, wir nehmen noch einen schönen Gin Tonic.

Ja, Anke, du darfst ja nicht so oft Alkohol trinken. Für dich ist das ja bestimmt besonders toll. Da kannst du mir gleich noch etwas mehr über die Tiefe erzählen. (Lacht)

Ja ja, spotte du nur! Ich kann dir was über die Tiefe erzählen. Was meinst du, wie sich das anfühlt, wenn ein Kind hinfällt und total heult, alles ganz schlimm ist, drei Leute das Kind in den Arm nehmen, versuchen zu trösten und nur du als Mensch musst ankommen, das Kind einmal kurz drücken und ganz leicht auf die schmerzende Stelle pusten und schon lacht es wieder?

Das sind also Superkräfte?

Natürlich fühlt sich das an wie Superkräfte. Was man dabei nicht vergessen darf, ist, dass es dich auch wirklich auslaugt! Du bist der einzige Mensch, der diese Superkräfte hat. Es gibt Situationen mit Kind, in denen man überhaupt keine Lust oder Kraft hat, weil man so müde ist. Oder einfach abgenervt! Trotzdem bist du der einzige Mensch, der helfen kann. Natürlich ist es grausam und fies, dass man keine Lust hat. Eine Traum-Mutter will immer permanent für ihr Kind da sein! Es gibt keine Situation mehr, in der sie zu faul und bequem ist oder einfach ihre Ruhe haben will.

Auch das Maß an Nähe, das so ein Kind einfordert, kann einem wirklich zu viel sein. Als meine Tochter sehr klein war, hatte ich morgens um zehn das Gefühl, mein Kontingent an Berührung, das ich den Tag über haben will, sei schon voll. Da fängt der Tag mit dem Kuschelkind aber erst an. Du hast keine Sekunde mehr deine Haut für dich! Das Problem ist, man kann sich noch nicht mal darüber beklagen, weil das Kind hat ja ein gutes Recht darauf. Ich habe immer Mütter bewundert, die über Jahre stillen. Für mich wäre das absolut ausgeschlossen gewesen, weil ich ein großes Bedürfnis danach habe, unabhängig zu sein und meine Haut und meinen Körper für mich zu haben. Gott sei Dank hat sich die Frage bei mir ja gar nicht gestellt, weil ich sofort wieder arbeiten musste.

Apropos Körper: Wie ist das eigentlich mit der Schwangerschaft? Wann fühlt man denn, dass man schwanger ist?

Also wenn ich das so richtig nachvollziehen kann, dann habe ich das eigentlich relativ früh gemerkt. Ich hatte Riesenmöpse, Doppel D, von einem Tag auf den anderen. Der Männertraum! Die Möpse haben gespannt und wehgetan! Die waren nicht nur doppelt so groß, sondern auch doppelt so schwer. Es war alles ganz furchtbar.

Da habe ich ja noch gar nicht geschnallt, dass ich schwanger bin, sondern dachte wochenlang, ich müsste bald meine Tage bekommen. Haha, ja: mehrere Wochen.

Entschuldige kurz, bei so viel Naivität muss ich eben mal weinen vor Vergnügen.

Als ich dann wusste, dass ich schwanger bin, kam die Zeit mit der Übelkeit. Da war mir tatsächlich den ganzen Tag elend. Ich habe nicht gekotzt, aber mir war einfach schlecht. Das kann man sich gar nicht vorstellen! Später, ab dem dritten Monat, habe ich mich gefühlt wie ein Aquarium. Es wird sehr viel über die Kindsbewegungen geschrieben, wie faszinierend das ist. Ich hatte am Anfang immer ein Gefühl, als ob ein kleiner Goldfisch im Bauch herumschwimmt. Das waren so kleine, wellenartige Bewegungen, die ich nicht kannte. Ich wusste, dass das mein Kind ist. Aber es war seltsam, ein bisschen unheimlich. Man merkt, dass man so ein biologisches Tierwesen-Dingsbums ist. Nicht eine unabhängige, starke Frau, sondern halt so jemand, der einen anderen Menschen gebärt. Das ist schon komisch.

Später hat mein Kind deutlich gezeigt, was es kann. Hat ordentlich rumgetreten. Auch zu Zeiten, als ich das in der Arbeit noch geheimhalten wollte… Ab dem vierten Monat hatte ich einfach Schmerzen – viele, große Schmerzen. Meine Schwangerschaft war nicht so lustig; will ich aber nicht so genau darauf eingehen.

Und dann die Geburt – mir kannst du ruhig Horror-Storys erzählen. Ich bekomme sowieso keine Kinder mehr! Wie war die Geburt?

Ja, weiß nicht, also ich fand es nicht so schlimm. Das hat tierisch wehgetan, klar. Man hat überhaupt keine Kontrolle mehr über seinen Körper. Der zuckt und presst, macht und tut, wie er will. Aber irgendwie hatte ich dann so das Gefühl – okay, das ist jetzt einfach die Zielgerade. Da gehst du jetzt durch und dann ist das Kind endlich da. Diese ätzende Schwangerschaft hört auf. Ich habe nicht verstanden, dass Frauen den Zustand, schwanger zu sein, idealisieren können und das immer wieder erleben wollen. Im Vergleich zu meiner Schwangerschaft, die mit sehr viel Schmerzen, sehr viel liegen und nicht aufstehen können einherging, war die Geburt ein paar Stunden krass, aber okay.

Sag mal, was ich mich immer gefragt habe, aber nicht so richtig schnalle. Ich glaube ich brauche gleich noch einen schönen Drink. Was ist eigentlich ein Dammriss?

Entschuldige, Janina. Jetzt muss ich mal kurz lachen, bei so viel Naivität! 🙂

Na ja, wenn du dir vorstellst, du hast eine große Männerfaust und die zieht einen kleinen Gummihandschuh an – also presst quasi die Riesenfaust durch die kleine Öffnung. Was passiert dann? Dann reißt der Handschuh! Genau das ist ein Dammriss: Wenn deine Vagina quasi zu klein ist für den großen Kinderkopf. Ich weiß nicht, ob man Vagina sagt. Wahrscheinlich heißt das wohl Vulva, keine Ahnung. Ist mir auch wurscht. Du weißt, welches Teil ich meine. 😊

Dann reißt das auf und das kann richtig schlimm sein. Bei mir war nur ein kleines bisschen die Haut gerissen. War alles Pillepalle und das, obwohl das Kind einen Riesenkopf hatte. Der Papa trägt Hutgröße 65 sage ich nur – mehr sage ich nicht.

Und als das Kind da war, da gab es sofort diese magische Mutterliebe?

Ja, weiß ich nicht. Ich war dann froh, als sie dieses Kind auf meinen Bauch gelegt haben. Es sah ein bisschen seltsam aus, so gequetscht halt. Na ja, schon süß, faszinierend und ein besonderer Moment in meinem Leben. Natürlich hat man sein Kind irgendwie lieb, aber ich muss ehrlich sagen: Mein Kind war mir auch fremd. Es war ja auch erst seit ein paar Minuten da und plötzlich gab es Erwartungen an mich. Ich sollte das Kind anlegen und stillen, obwohl ich völlig fertig war. Keine Ruhe für Mutti! Das hat mich irgendwie geärgert. Keiner nahm mehr Rücksicht auf mich. Mit der Zeit wurde mir klar, dass das jetzt einfach so ist als Mutter. 😀

Dann gab es diese erste Nacht mit dem Kind, die war wirklich magisch. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass dieses Kind nur dann aufgehört hat unruhig zu sein, wenn es ganz dicht bei mir am Körper lag. Ich habe zwischendurch immer wieder versucht zu stillen; das klappte nicht so richtig gut. Aber ich habe gemerkt, dass meine Nähe hilft. Natürlich hatte mein Kind offensichtlich eine viel engere Bindung zu mir als umgekehrt. Aber gut.

In deinen ersten Wochen als Mama habe ich dich besucht und wenn ich ehrlich sein darf, ich habe dir dein angebliches Glück nicht abgekauft. Wie unglücklich warst du?

Ich war erst wieder glücklich, als ein Arzt mir Psychopharmaka verschrieben hat. Das ist kein Witz. Ich war total überfordert, fühlte mich (ach nee) in einer ausweglosen Situation. Hatte permanent ein schlechtes Gewissen und habe mich andauernd gefragt, ob das denn nicht alles ein riesiger Fehler war. Im Nachhinein war es die größte, aber auch absolut beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe! Also Mutter zu werden. Aber im ersten Jahr habe ich nur die Sackgasse gesehen, in der sich mein Leben befand. Ich habe mich, bei aller Liebe zu meinem Baby, einfach wahnsinnig schwergetan, die Veränderungen und Limitierungen, die dieses Lebensmodell mit sich bringt, zu akzeptieren. Manchmal kämpfe ich heute noch damit!

Und warum zum Geier hast du mir das damals nicht erzählt?

Ich dachte, man darf nicht so fühlen. Überall lauerten Leute mit ihren Erwartungen. Die wurden auch frei von der Leber weg formuliert. Über Nacht war ich Mutter und hatte gefälligst ein bestimmtes Bild zu erfüllen. Also ich, die immer auf die meisten Konventionen geschissen hat. Das war so übel. Da traust du dich gar nicht mehr, die Wahrheit zu sagen. Ich war tatsächlich ein Jahr lang damit beschäftigt, psychisch und physisch die Mutterrolle und die Schwangerschaft zu verkraften. Und ich war keine gute Babymutter.

Na, das sieht deine Tochter sicher anders. So, trinken wir noch einen? Der Kopf tut morgen so oder so weh! 😊

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