Häng dein Herz an ein Ziel
So ein Ziel zappelt viel
Weicht zurück, duckt sich weg
Und vom Herz bleibt ein Fleck

Häng dein Herz an eine wackelnde Welt
Und dann wunderst du dich, dass es runterfällt

Oder an die Freude!

Da ist dieses Lied von Judith Holofernes, dass mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Das ist mehr als ein normaler Ohrwurm. Der Text bearbeitet mich. Er spiegelt mich. Er will mir etwas sagen.

Wenn ich zum nächsten Telefonat hetze, anstatt meinen Kaffee in Ruhe auszutrinken, weil ich mir vorgenommen habe, heute besonders erfolgreich zu sein.

Wenn ich ungeduldig neben meiner Tochter stehe, die wieder einmal nicht in ihre Jacke findet, weil ich heute ganz früh am Schreibtisch sitzen möchte.

Wenn ich lustlos auf meinem Kohlrabi rumkaue, während die restliche Familie sich eine Pizza reinhaut, weil ich mich doch wieder zu dick fühle für die Welt.

Wenn ich nicht sehen kann, wie schön der Tautropfen auf der Wiese glänzt, obwohl meine Tochter ihn mir begeistert zeigt, weil ich gerade auf mein Handy starre.

Wenn meine beste Freundin anruft und ich nach dem Auflegen merke, dass ich nur über mich gequatscht habe, ohne sie zu fragen, wie es ihr geht.

Wenn meine Tochter etwas erzählt und ich nur ein Ohr investiere, weil ich gerade keine Kapazitäten für paläontologische Exkurse habe und ich eine Frage verpasse. „Mama, du hörst mir überhaupt nicht zu!“

Beispiele dazu fallen mir ohne Ende ein. Wie oft hängt mein Herz an der Welt, wie oft dreht sie sich zu schnell. Wie oft hängt mein Herz an einem Ziel und wie selten an der Freude. Ich bin ein Idiot. Das Leben ist doch so kurz.

Besonders fällt mir das auf, wenn ich eine entspannte Zeit mit meiner Tochter verbringe. Also wenn ich nichts mehr zu tun habe und sie gute Laune hat. Ja, es gibt diese Momente. Die sind aus purem Gold. Dann strahlen wir gemeinsam.

Mein Kind sieht immer etwas, worüber man sich freuen kann:

Einen Marienkäfer, einen Schuh, der am Strommasten hängt, das Eis, das wir gemeinsam auf der Parkbank essen, den Sonnenschein, einen Luftballon, der sein Kind verloren hat, dass die einfahrende U-Bahn eine neue ist.

Vor allem freut sie sich über die ganz kleinen Dinge, die man nur sehen kann, wenn der Kopf ruhig ist. Und ich freue mich an solchen Tagen immer über mein Kind. Mein Herz hängt an dieser Kinder-Freude und hüpft manchmal so viel höher als normal. Ich bin sonst keine Freundin von schmalzigen Texten, aber das ist wirklich so.

Meine größte Freude ist dieses gesunde, fröhliche, aufgeweckte, kluge, kleine Mädchen. Sie ist mein Lebensglück und wie oft werde ich ihr nicht gerecht. Wie oft bin ich einfach ein Mensch, der Geld, Erfolg und Arbeit so hoch priorisiert hat, dass der Kopf voll damit ist.

Dabei ist diese Freude immer möglich. Mit und ohne Geld, sogar wenn man krank ist oder wenn einem das Leben um die Ohren fliegt. Man kann den Marienkäfer sehen und sich daran erfreuen – ein Leben lang. Eine kluge Frau, diese Judith Holofernes.

Freude!


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