Kürzlich war ich auf der Geburtstagsparty einer wundervollen und für mich seit der Schulzeit sehr wichtigen Freundin. Wir unterscheiden uns sehr, was unserer Freundschaft noch nie einen Abbruch getan hat. Die Gäste hatten weitgehend mit meiner Lebensrealität nichts gemeinsam. Eine hochkarätige Mischung aus Singles, homosexuellen und heterosexuellen Paaren und 80% der Anwesenden kinderlos. Da sind die Gespräche schon anders, also nicht ganz so geerdet. Es geht viel um Arbeit und Urlaub, um Skihütten, Ferienhäuser, Autos, Opernbesuche und neue, schicke Restaurants. Ich lausche in solchen Situationen neidisch und denke an mein altes Leben, als ich genau in diesen Kreis passte.

Jemand wie ich, der sich aus einem lukrativen Job und einer Führungsposition verabschiedet hat und der versucht, eine Firma aufzubauen, um der Tochter besser gerecht zu werden, ist dort ein bestauntes Unikum. Zusätzlich schreibe ich viel über das „Mamasein“ und auch meine Firma dreht sich um Mütter, Kinder und Spielwaren … Ich bin auf der Party auf eine Mischung aus Neugier und Staunen getroffen, die mich wirklich amüsiert hat und ich traf auf viele Menschen, die mir voller Respekt für meinen Mut begegnet sind. Ich bekam Komplimente für meine Texte von Menschen, die kinderlos sind. Das war sehr toll.

Am lustigsten war eine humorvolle, kluge, schöne Single-Lady, die mich darüber befragt hat, wie es ist, Mama zu sein. Ihr sei nämlich aufgefallen, Mütter wären immer so wahnsinnig geerdet. Ich fand das doof. Was heißt schon geerdet? Das riecht nach Kohl und klingt nach Landmensch, Hausfrau, „Muddi“ mit Tunnelblick. Also habe ich ihr eine Antwort hingehauen, die ein bisschen schockieren sollte: „Das mag daran liegen, dass du dich in den ersten Jahren fast ausschließlich mit menschlichen Exkrementen beschäftigst und mit Ausscheidungen von Kindern Dinge erlebst, die du dir nicht ausdenken kannst.“ Im Nachhinein habe ich es mir damit zu einfach gemacht, zumal ich sicher bin, dass sie das kein kleines bißchen abwertend, sondern eher wertschätzend gemeint hat!

Was heißt eigentlich geerdet?

Für das Wort geerdet gibt es eine Reihe Synonyme, die mich nach der Party zu Hause beschäftigt haben:

bodenständig · gefestigt · mit beiden Beinen im Leben stehen(d) · mit beiden Füßen (fest) auf dem Boden stehen(d) · ohne Allüren · pragmatisch · praktisch veranlagt · unkompliziert

Als ich diese Worte las, wollte ich brüllen: „Aber klar doch, hier!“ Ich fühlte mich perfekt beschrieben und eher geschmeichelt. Ich will damit nicht sagen, dass Kinderlose pauschal oberflächlich oder verwöhnt sind. Bitte versteht mich nicht falsch. Ich versuche tatsächlich nur diese Erdung zu erforschen. Rückschlüsse sind nicht zulässig und ja: Ich verallgemeinere TOTAL!

  • Natürlich haben Mütter häufig etwas Bodenständiges: Wir haben einfach meistens keine Zeit für verschwurbelte Träume. Zumindest nicht, solange das Kind nicht gebadet, satt und glücklich im Bett liegt.
  • Klar sind Mütter gefestigter: Sie sind der Fels in der Brandung und der Blitzableiter für ihre Kinder!
  • Mütter stehen mit beiden Beinen im Leben, verdammt ja! Wer denn sonst? Kinder sind das Leben. Ohne Mütter und Kinder würde unser Leben einfach irgendwann aussterben. Wie die Dinos.
  • Wenn wir nicht mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen würden, hätten unsere Kinder kein Essen auf dem Tisch und nichts Sauberes anzuziehen. Das heißt nicht, dass Mütter nicht locker sein können. Aber mal ehrlich: Als ich Single war, hatte ich wochenlang nichts im Kühlschrank, weil ich unorganisiert war. Den ganzen Tag nichts zu beißen, abends drei Cheeseburger und ein Wodka Lemon – das geht mit Kind nicht. Da stehst Du fest auf dem Boden und kümmerst Dich darum, dass alles funktioniert.
  • Allüren als Mama? Wenn jemand Allüren hat, sind es meistens unsere Kinder. Wir haben uns für viele Jahre für eine dienende Position entschieden. Das klingt krass, aber Allüren können wir uns häufig nicht leisten.
  • Bei den Worten „praktisch veranlagt und pragmatisch“ kommen wir dann doch wieder auf die Ausscheidungen zurück. Jede Mutter macht das mit. Gleich zum Start wird man völlig unvorbereitet mit spritzendem Urin und weiß der Geier was konfrontiert. Wenn man da nicht ganz pragmatisch wegputzt und nicht mehr darüber nachdenkt, verpasst man vielleicht die Zeichen dafür, dass es in der nächsten Windel direkt weitergeht.
  • Wer bei kleckernden Kindern und riesigen Wäschebergen noch nie so unkompliziert war, dem Kind ein schmutziges Shirt noch einmal anzuziehen, der werfe den ersten Stein. 😉

Geerdet sein bedeutet aber noch viel mehr

Mütter wissen nicht nur, dass man keinen Schaden nimmt, wenn man drei Tage ungeduscht ist. Sie wissen auch, dass man fünf Stunden Schlaf prima auf sieben Tage verteilen kann. Mütter wissen, was man alles schaffen und bewältigen kann. Im Nachhinein auch ohne große Schäden.

Wer einmal sein Kind vom Bett oder Wickeltisch hat fallen sehen, der tut sich schwer, sich vor einem abgebrochenen Fingernagel zu fürchten.

Mütter priorisieren ihr Leben nicht selbst, sie halten Fremdbestimmung über Jahre aus. Manche gerne, andere leiden darunter, aber alle haben eine Gemeinsamkeit: Wir werden von unseren Kindern so sehr gebraucht und bedingungslos geliebt, dass wir uns vielleicht gar nicht so dolle selbst lieben müssen. Wie dem auch sei, wir haben keine Wahl, wenn das Kind auf der Welt ist.

Geerdet sein bedeutet auch eine Art Solidarität, die ich, bevor ich Mutter wurde, nicht erlebt habe. Man erfasst sekundenschnell, ob eine Mutter Unterstützung braucht und hilft ihr. Das geschieht ganz instinktiv und das habe ich auch selbst erlebt. Dieses „keine Wahl haben“, das uns alle so total erdet, setzt im Kopf etwas in Gang. Ich meine die Mütter, die Dir schweigend und selbstverständlich eine Windel reichen, wenn Du mit Panik in den Augen in der Wickeltasche wühlst. Ich meine die Situation, dass auf dem Spielplatz alle in den Taschen nach einem Pflaster wühlen, wenn ein Kind blutet.

Geerdet sein macht uns nicht zu besseren Menschen

Klar gibt es auch die Mütter, die mir als Vollzeit-Working-Mum Vorträge über selbstgemachte Maultaschen gehalten haben, aber die meine ich nicht damit. Es gibt diese Wettbewerbe und auch unter Müttern ist viel Neid und Lästerei. Ich habe das selbst getan, wie ihr hier lesen könnt https://muttispielt.de/perfekt-perfekter-beyonce  und auch schon ausgehalten https://muttiglueck.de/erwartungen 

Es gibt Eltern, die trauen sich nicht, ihren Kindern zu widersprechen. Es gibt Eltern, die überwachen jeden Schritt ihrer Kinder. Es gibt Eltern, die regulieren das Verhalten ihres Kindes gar nicht.

Aber eines haben alle gemeinsam: Wenn Dein Kind hinfällt und weint, dann bist Du zuständig, selbst wenn Du Migräne bis zum Horizont hast. Das ist schon ein Unterschied zu Singles. Die können mehr auf sich hören und haben mehr Zeit zum Denken und Träumen. Manchmal bin ich neidisch, aber dann auch wieder nicht. Ich hatte diese Zeit für mich, bis ich 41 war und jetzt habe ich das Gefühl, mein echtes Leben hat da erst angefangen. Wir sind halt alle ein bisschen verrückt, wir Mütter.
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