Frühling

Sich einfach so unterhalten. Im Zug, mit ganz und gar fremden Leuten – das klappt am besten mit dem Kind. Weil das Kind mit seinen fünf Jahren so eine grundsätzlich andere Perspektive auf das Leben hat. Weil es nichts “unangebracht” findet, sich nicht schämt oder sich nicht zu fragen traut.
Ganz im Gegenteil.
Gestern zum Beispiel, da haben wir uns auf dem Weg in eine andere Stadt plötzlich mit vielen Menschen über den Frühling unterhalten. In einem Großraumabteil, an einem ganz normalen Freitagvormittag im März.
Und plötzlich machte dieser trübe, graue Tag mit dem Kind wieder einmal besonders viel Spaß. Er wurde hellgrau, ja, fast schon ein bisschen sonnig und frühlingswarm.

Große Rucksäcke versprechen spannende Geschichten.

Wir suchten uns ein Abteil aus, in dem eine sehr junge Frau mit einem sehr großen Rucksack saß. Große Rucksäcke versprechen nämlich spannende Reisegeschichten, und das Kind wurde sofort neugierig. „Wo fahren Sie hin?“ fragte es. Es stellte sich heraus, dass die Dame Chrissy hieß, aus Australien, dem Land der Kängurus, kam und leider nur englisch sprach. Also musste ich übersetzen. Wie aufregend das war! Die Kinderwangen glühten vor Entzücken.
Chrissy erzählte uns von ihrer langen Reise, die durch einen schlimmen Sturm schon 52 Stunden gedauert hatte. Dass sie in Amsterdam und in Hamburg war und jetzt mit dem Zug nach Leipzig fuhr. Chrissy ist Tänzerin und sucht in Europa gerade einen Job. Sie nutzt die Ochsentour durch die ganzen Länder, um sich möglichst viel von der Welt anzusehen.
Was sie bisher am tollsten fand, wollte das Kind wissen.
Die überraschende Antwort von Chrissy: „Das erste Mal in meinem Leben habe ich Schnee gesehen und auf meiner Haut gefühlt!“  Das Kind konnte es kaum glauben. Und erzählte dann viel vom Schnee und davon, wie es ist, mit einem Schlitten den Berg runterzusausen. Wie kalt die Hände bei einer Schneeballschlacht werden, und dass man mit Handschuhen keine brauchbaren Schneebälle formen kann. Chrissy schien begeistert über diese Insider-Informationen.
Wir sprachen dann noch ein bisschen über ihre nächsten Ziele, und ich empfahl ihr, erst in einigen Wochen nach Berlin zu reisen, wenn der Frühling beginnt. Weil Berlin, wie fast jede Stadt in Europa, im Frühling einfach zauberhaft ist.

Was ist das eigentlich – dieser “Frühling”?

Was das eigentlich genau sei, so ein Frühling, wollte Chrissy wissen.
In Australien gäbe es nämlich keinen Frühling.
Das Kind staunte und rief: “Sag ihr, dass die Pflanzen zurückkommen. Dass die Vögel wieder nach Hause fliegen. Und wie die ersten Blumen sich durch die Erde bohren, das muss sie auch wissen. Sag ihr, dass man endlich wieder draußen spielen kann!“
Ich versuchte auch zu beschreiben, wie besonders das erste Grün der neuen Blätter ist. Dass man wie eine Katze schnurren möchte, wenn die Frühlingssonne wieder scheint. Wie die Bäume anfangen zu blühen. Dass sich das „Draußen“ in den prächtigsten Palast der Welt verwandelt. „Ja… und alle Menschen lächeln, die Eisdielen öffnen, man kann mit dem Fahrrad rumsausen und im Sand buddeln“, ergänzte das Kind.
Chrissy staunte und bekam einen melancholischen Blick. Ihr war klar, dass sie diese Ereignisse nicht verpassen durfte. Einmal im Leben musste sie den Frühling sehen.

“Wir feiern den Frühling mit Hasen, Lämmern und grünem Gras!”

Unser Gespräch hatte in dem Großraumabteil mittlerweile viele Zuhörer gefunden.
Ein älterer Herr schaltete sich ein: „Ja, und dann ist auch Ostern! Und mal ganz abgesehen von der Kirche, feiern wir dann auch jedes Jahr den Frühling. Mit Eiern, Hasen, Lämmern und grünem Gras. Das hat manchmal gar nicht so viel mit Jesus zu tun.“ Seine Frau bat mich: “Bitte erzählen sie ihr von der Freude, die man im Bauch hat, wenn man das erste Schneeglöckchen aus der Erde kommen sieht.”

So waren wir inzwischen alle damit beschäftigt, Chrissy zu erzählen, wie uns schon der Gedanke an den Frühling in gute Laune und Euphorie versetzt. Sie schien ehrlich begeistert und sah so aus, als würde sie gerne noch weiterplaudern. Aber nach einem herzlichen Abschied musste sie leider umsteigen.
Als der Zug ohne Chrissy wieder losrollte, sagte das Kind, immer noch ein bisschen aufgeregt: „Mama, es ist toll, dass wir Jahreszeiten haben!“
Ich musste lächeln und gab ihm Recht. Voll und ganz.
Dann aber fiel dem Kind noch etwas anderes ein: „Haha, Mama – heute Morgen hast Du noch auf den blöden Winter geschimpft und dass Dir so kalt ist. Das ist doch auch eine Jahreszeit?“
Erwischt.
Nach diesem Satz war endgültig der Frühling ausgebrochen im Wagen Nummer sieben, und zehn wildfremde Menschen lachten laut und gemeinsam über diese wirklich wahre Kinderweisheit.

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