Kaum war unser Kind vier Jahre alt, wollte sie Unabhängigkeit. Also Kind allein nach „unten“. Allein zum Bäcker. Allein zum Spielplatz. Ich fand das furchtbar und habe ihr Anliegen erst mal so lange überhört wie möglich. Natürlich waren wir es gewohnt, dass sich unsere Kleine immer viel zutraut und von Beginn an Wert darauf legte, Dinge allein zu können. Aber sie allein aus der Wohnung gehen lassen? Wir leben in einem Hochhaus mit 19 Stockwerken, da reicht es aus, wenn sie den falschen Stock erwischt und wir finden sie nicht wieder. Die U-Bahn ist von unserer Wohnung nur wenige hundert Meter entfernt – sollte sie auf verrückte Ideen kommen, wäre sie auf dem Weg in ihren Lieblingsspielzeugladen in der Innenstadt und ich würde es nicht merken. Mit Autos haben wir Gott sei Dank kein Problem, weil die ganze Siedlung autofrei ist. Aber es gibt ein Parkdeck und natürlich grenzen auch irgendwo große Straßen an die Siedlung an. Ein so kleines Kind ganz allein? Das kann man doch nicht machen!

Wer nicht übt, darf nicht allein raus

Meine Taktik des Überhörens ging nicht auf. Immer wieder kam das Thema auf. Also versuchte ich eine Hürde einzubauen, indem ich ihr erklärte, dass wir, bevor sie allein losziehen darf, die Wege üben müssten. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich gehofft, das Wort „üben“ würde sie abschrecken, aber das war ein Schuss in den Ofen. Wir trainierten alle nötigen Wege und ich ließ mich von ihr führen. Nach einer Woche klappte alles. Verdammt. Mit Angstschweiß auf der Stirn beobachtete ich sie vom Balkon aus und war unheimlich froh, als es klingelte. In ihrem Gesicht war zu lesen, was diese große Freiheit für sie bedeutete. Eine Mischung aus Erleichterung und Freude hatte ihre Wangen rot gefärbt. Sie war völlig außer sich und zwischen Heulen und Lachen. Ich witterte eine Chance, die Dinge noch zu verändern und sagte zu ihr: „Na, das war aber doch noch ein bisschen viel Aufregung, oder?“ Sie lachte und sagte: „Für dich vielleicht, Mama.“ Das musste ich zugeben.

Wie viel Freiheit darf ich überhaupt geben?

Das Gesetz, das ich zu diesem Thema gefunden habe, sagt Folgendes:

  • 1626 BGB, Absatz 2: „Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes zu selbständigem verantwortungsbewusstem Handeln.“

Na toll. Das Gesetz sagt, Dir wird die Entscheidung nicht abgenommen, Mutti. Die Rechtsprechung sagt wohl, dass Kleinkinder (bis drei Jahren) überhaupt nicht allein sein dürfen, weder zu Hause noch draußen. Kindern unter fünf traut man zu, 15 bis 30 Minuten allein zu sein. Ob das auch heißt, dass sie allein raus dürfen, weiß ich nicht. Der Weg meiner Tochter zum Spielplatz dauert ungefähr 20 Minuten. Nicht weil das so weit ist, sondern weil auf dem Weg immer hochinteressante Steine und Käfer zu finden sind. Muss ich sie dabei begleiten? Oder heimlich überwachen? Ist das Risiko, dass sie auf diesem Weg „verloren geht“ tatsächlich größer als das Risiko, in der überfüllten Fußgängerzone – in meiner Begleitung – verloren zu gehen? Oder muss ich sie in Menschenmengen immer an der Hand halten? Ich weiß es nicht. Das Einzige, was mir von Anfang an klar war: Dass ich ihren Willen, unabhängig zu sein, nicht brechen darf. So wie ich auch in vielen anderen Dingen ihren Impulsen folge, weil ich denke, dass das der respektvolle Umgang ist, den wir miteinander haben.

Muss man jedem Freiheitsgedanken nachgehen?

Ich höre an dieser Stelle besorgte Eltern rufen: „Na toll und wenn sie vom Balkon springen will, darf sie das dann aus Respekt auch?“ Nein, darf sie nicht. Natürlich bleibt es an den Eltern abzuwägen, was ein Kind darf. Genau das ist ja das Dilemma. Genau das steht im Gesetz.

Ich wurde mit interessanten Reaktionen von anderen Eltern konfrontiert:

Einige Eltern beneiden uns um unsere mutige Tochter und würden sehr gerne ihre Kinder sonntags zum Brötchen holen schicken.

Andere fragten mich, ob ich denn keine Angst hätte, oder schüttelten den Kopf.

Klar habe ich Angst, aber was soll ich tun? Es verbieten? Durfte ich das nicht auch? Sind die Zeiten denn wirklich so anders als damals in meiner Kindheit? Wann ist der Zeitpunkt, an dem ich meine Angst dann einstelle? Wenn sie zur Schule geht? Mit der Volljährigkeit, wenn sie 18 ist? Wenn sie einen Führerschein und das Abitur macht? Und an was mache ich das dann jeweils fest? Jetzt ist sie fast sechs und bald ein Schulkind, da werden die Freiheiten dann auch eher noch größer und mit dem Gang zum Bäcker ist es schon lange nicht mehr getan.

Wir haben ein paar Regeln festgelegt, an die sich meine Tochter eisern hält:

  1. Wenn du verloren gehst, sprichst du eine Frau an und bittest um Hilfe.
  2. Du trägst eine Karte mit meinen Kontaktdaten bei dir. Damit kann die Frau mich kontaktieren.
  3. Du hältst dich dort auf, wo du angekündigt hast hinzugehen. Auch wenn andere Menschen, Freunde, etc. von dort aus weiterziehen, gehst du nicht einfach mit. Du kannst dann nach Hause kommen und wieder Bescheid geben. Dann ist alles gut.
  4. Du sprichst nicht mit Fremden, egal was sie dir versprechen.

Zusätzlich darf sie natürlich nur hier in unserer Siedlung, also dem Olympiadorf, allein losziehen. Hier gibt es eine Menge Eltern und Kinder, die sie kennt, und ich habe das Gefühl, dass es nicht völlig außer Kontrolle geraten darf. Trotzdem bin ich unruhig, wenn sie allein draußen ist. Immer.

Sieht schlimm aus, mit dem ganzen Beton aus den siebziger Jahren, ist aber toll. Unser Dorf mit eigenem U-Bahn Anschluss und ohne Autos.

GPS-Tracker und Abhörmaßnahmen

Ich habe darüber nachgedacht, ihr so einen Tracker zu kaufen. Bequem von der App aus immer wissen, wo mein Kind ist. Aber nein. Das geht gar nicht. Das ist für mich das Gegenteil von Vertrauen und was bringt es auch? Diese Tracker sind für mich eine reine Illusion von größerer Sicherheit, mehr nicht. Ich kann kein Unheil mit diesen Trackern verhindern. Sie dienen nur dazu, dass ich mich wohler fühle.

Ich freue mich sehr auf Eure Meinungen zum Thema! Vielleicht gibt es auch Leser, die sich mit der Rechtslage noch besser auskennen? Das wäre super!

_______________________________________________

Wenn ihr mehr von Muttiglück lesen wollt, könnt ihr mir auf Facebook oder Instagram folgen, dann erfahrt ihr immer von neuen Beiträge

 

 

 

 

 

 

 

 

Share: