Wir waren heute am Baggersee und haben etwas Schockierendes erlebt. Zehn Menschen, darunter zwei Kinder, kamen uns auf einer Luftmatratze entgegen. Sie irrten über den See. Am Steg der Wasserwacht durften sie nicht anlegen und am Badestrand gegenüber war alles voll. Keiner hat sie an Land gelassen. Die Luftmatratze lag tief im Wasser und die Menschen hatten Angst. Ein kleines Schlauchboot wollte helfen, durfte aber nicht ablegen, um die Menschen aufzunehmen. Schließlich seien die ja freiwillig auf das kleine Boot geklettert, erklärte die Polizei.

Was erzählt diese komische Mutti da, will man fragen, oder? Wo sollte so etwas Undenkbares passieren? Menschen, die auf einem Baggersee in Not geraten, wird nicht geholfen? Was heißt hier, da war alles voll? Das ist unterlassene Hilfeleistung! Da rücken die Hubschrauber der Feuerwehr aus, die DLRG schnappt sich das Motorboot und bringt alles zu einem guten Ende.

Nein, leider stimmt das nicht.

Wenn die Menschen schwarz sind und der Baggersee ist das Mittelmeer zwischen Afrika und Europa, dann werden die einfach dort gelassen. Sollen sie doch ertrinken. Der deutsche Innenminister bezeichnet die Helfer aus meinem Beispiel als Shuttle. Ja, Shuttle, wie im Pauschalurlaub.

Mir geht es hier nicht um die Diskussion, dass ja nicht alle Menschen der Welt zu uns kommen können. Auch nicht darum, ob alle Menschen der Welt zu uns kommen wollen. Nicht um Gefahren und Ängste, die Fremde auslösen. Das ist nicht das Ding. Natürlich muss das irgendwie vernünftig geregelt werden.

Es geht um Sätze, die man plötzlich ungestraft sagen darf, weil Herr Trump, die AFD, Horst Seehofer und WEISSDERHERRGOTTWERNOCH sie laut sagen und so handeln.

Unser Innenminister betont, dass er nicht der Grund war, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abgeschoben wurden. Alter, geht’s noch? Auch wenn wir Afghanistan als sicheres Herkunftsland einschätzen, ist so eine Äußerung unterste Schublade in Sachen Menschlichkeit. Mich erinnert das stark an die „lustigen“ Judenwitze, die mein Opa immer noch gerne erzählt hat. Ich habe sie nicht mehr kapiert, weil ich natürlich ein anderes Menschenbild hatte. Vor zwei Jahren hätte so ein Satz noch den sicheren Rücktritt eines Ministers bedeutet. Heute schütteln wir fassungslos den Kopf. Ein paar Politiker räuspern sich laut und weiter geht’s.

Diese 69 Afghanen sind Menschen, verdammt. Menschen, die ihre Heimat verlassen und eine weite, gefährliche Reise auf sich nehmen. Sei es nur, um ein besseres Leben zu haben. Na und ist uns das nicht irgendwie vertraut? Wir glotzen wöchentlich „Goodbye Deutschland“ und amüsieren uns über Menschen, die woanders leben wollen und nicht ahnen, wie kompliziert das werden kann und dass sie eine falsche Vorstellung vom Leben dort haben. Diesen Menschen gönnt doch auch niemand den Tod! Gäbe es im Ausland Sozialleistungen, würde ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass die nicht auch in Anspruch genommen werden würden. Wo ist der Unterschied, selbst wenn Afghanistan wirklich sicher wäre?

Ich möchte nicht sagen, dass es keinen Missbrauch in unserem System gibt. Ich möchte nicht sagen, dass es falsch ist, strafrechtlich auffällige Menschen in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken. Diese ganze Diskussion ist hier fehl am Platz. Es geht mir um die Menschenverachtung in der Sprache und den Gedanken.

Die Menschenverachtung ist keine deutsche Disziplin

Was ist mit Herrn Trump? Der Eltern und Kinder getrennt hat und die kleinen Kinder in Käfige steckt. Es gibt doch tatsächlich Kommentare dazu im Internet, die lauten: „Die Eltern sind selbst schuld. Der Grenzübertritt ist schließlich illegal. Das haben die halt riskiert.“ Da flippe ich wirklich aus.

Davon abgesehen, dass eine Flucht mit Kind kein Besuch in Center Parcs ist und ich sicher bin, dass Eltern so etwas nur tun, wenn sie wirklich keinen anderen Weg sehen: Es sind verdammt noch mal die Kinder, an denen diese „Schuldfrage“ in unmenschlicher Weise abgearbeitet wird. Ein Kind von den Eltern wegnehmen und es in einen Tag und Nacht beleuchteten Käfig sperren – das ist Folter. Seit wann dürfen Kinder gefoltert werden, weil ihre Eltern straffällig geworden sind? All das passiert in demokratischen Ländern und unter Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit. Ich weiß, das ist Gott sei Dank vorbei, oder doch nicht? Weiß man das genau? Passiert das vielleicht noch anderswo auf der Welt?

Was mir wirklich wichtig ist, möchte ich noch einmal betonen. Ich muss mir das von der Seele brüllen. Es gab mal einige Regeln zwischen Menschen, die scheinen nicht mehr zu gelten:

  • Wenn ein Mensch in Lebensgefahr ist, muss man ihn retten. Auch wenn man ihn nicht bei sich haben möchte.
  • Kinder bedürfen in dieser Welt eines besonderen Schutzes.
  • Kein Mensch darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, Sexualität oder Religion anders behandelt werden.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, verdammt noch mal!

Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.

Ich spreche jeden Tag mit meiner Tochter darüber, dass man jeden Menschen anständig behandelt und dass keiner weniger wert ist als andere. Wir sprechen darüber, dass man Menschen danach beurteilt, wie sie sind – nicht danach, wie sie aussehen. Dass es wichtig ist, wie man sich ausdrückt, damit keiner durch Worte verletzt wird.

Das alles ist ein wirklich harter Job, Herr Trump, Herr Seehofer und wer auch immer. Es fällt mir täglich schwerer, diese Welt meinem Kind zu erklären. Aber sie bekommen uns nicht weg. Wir bleiben anständige Menschen und auch unsere Tochter wird ein anständiger Mensch werden.


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