Schon beim ersten Lesen meiner Überschrift, stolpert der geneigte Leser über ein echtes Paradox. Oder nicht? Wenn ihr den Widerspruch nicht erkennt, solltet ihr unbedingt weiterlesen…

Über seltsame Begegnungen mit meinen Mitmenschen während sportlicher Betätigung könnte ich Romane schreiben. Schockierende Horrorromane, die von völliger Hemmungslosigkeit und fehlender Distanz berichten. Episoden, die mich verletzt und brüskiert haben und die von offensichtlicher geistiger Umnachtung handeln. Viele dieser Episoden haben mich wirklich verletzt, die schreibe ich euch nicht auf. In diesen Geschichten geht es auch um Blicke, um Menschen die sich gegenseitig anstoßen und dann kichern. Die mich haben fühlen lassen, dass ich nicht erwünscht bin, mit meinem fetten Hintern in der Umgebung sportlicher Menschen.

Noch 3 Wiederholungen!

Was will ich eigentlich?

Was ich aufschreiben möchte, sind ein paar Beispiele, die verdeutlichen was man so aushalten muss. Ein paar Tricks, wie ich mit der Zeit gelernt habe, mich nicht mehr zu sehr treffen zu lassen und wie es auch jedem Menschen gelingen kann, sich total wunderbar oder neutral zu verhalten. 😉

„Was will die denn hier?“

Ich bin der Meinung, dass Menschen die sich fragen, was einen dicken Menschen ins Fitnessstudio oder Schwimmbad treibt, oder einen Menschen, der sich schwer tut die Beine zu heben, dazu bringt zu walken, entweder völlig verblödet sind oder charakterlich auch dazu geeignet wären, einem Rollstuhlfahrer einen Stock in die Speichen zu stecken.

Die Antwort ist wirklich einfach: Wir treiben Sport, um gesund zu bleiben oder zu werden und Spaß zu haben. Wir treiben Sport, um abzunehmen, beweglich zu bleiben oder zu werden, weil unser Arzt es dringend empfiehlt. Genau wie dünne Menschen auch.

Was man wirklich bedenken muss ist, dass jeder dicke Mensch der sich aufrafft, genau zwei Handicaps hat, die dünne Menschen so nicht kennen: 1. Wir sind eben sehr schwer und darum ist Bewegung eine besondere Herausforderung und 2. Wir sind sehr häufig mehr oder weniger schutzlos anderen Menschen ausgesetzt, die sich nicht zu benehmen wissen.

Der Rucksack ist voll

Wir tragen bei jeder Art der Bewegung einen riesigen, schweren Rucksack. Der Rucksack wiegt 30, 50 oder auch mal 60 Kilo – wie viel auch immer wir mehr wiegen, als schlanke Menschen. Ich möchte so manche Gym-Püppi, mit Schminke und sorgfältig drapiertem Pferdeschwanz sehen, die insgesamt so viel wiegt wie mein rechtes Bein, wie sie so einen Rucksack aufsetzt und auf den Stepper steigt. Ruckzuck ist der Glamour weg, das verspreche ich.

So sieht das aus. Wie eine überbackene Tomate.

Sagt selbst, ist es nicht völlig logisch, dass wir rot werden und schwitzen und keuchen? Natürlich kann man sagen, die Dicken haben sich das Zeug selbst angefressen und sind selber schuld. Aber in der Sekunde, wo wir uns sportlich betätigen, zählt das doch nicht, oder? Da kann doch nur zählen, dass wir da sind und uns den Dämonen stellen. Wer das anders sieht, suche sich bitte die Stelle mit dem Rollstuhl und den Speichen nochmal raus. Denn auch einen Rollstuhlfahrer, selbst wenn er absolut zu 100% eigenverschuldet in seiner Lage sein sollte, würde man nicht behindern. Hoffe ich.

Macht Sport trotzdem Spaß?

Mir ja. Ich liebe schwimmen und Radfahren! Ich träume davon, irgendwann wieder so leicht zu sein, dass ich wieder Badminton spielen kann. Ich mag Krafttraining, weil ich dabei so wenig von meinem Rucksack spüre und gleichzeitig von Beginn an gute Leistungen zeigen kann. Aber es gibt natürlich dicke Bewegungsmuffel, genauso wie es dünne Bewegungsmuffel gibt. Wir sind einfach Menschen, nur halt mehr Masse pro Mensch. 😊

Weil mir Sport wirklich Spaß macht, bewege ich mich seit meiner Studentenzeit sehr regelmäßig.

Der dunke Fleck auf dem Shirt ist… äää Wasser natürlich.

„Was, DU gehst schwimmen, das traue noch nicht mal ich mich!“

Ja, das hat eine Bekannte zu mir gesagt. Kein Witz. „Äh WHAT?“ Ich bekomme heute noch Schnappatmung, wenn ich darüber nachdenke. Also erstens mal, gibt es so weit ich weiß, keine gewichtsbedingte Einlassbeschränkung für Schwimmbäder und Baggerseen. Zweitens ist mein Hintern im Badeanzug auch nicht dicker als in Jeans. Man kann ihn in beiden Fällen nicht übersehen. Ich schwimme mit diesem dicken Arsch dreimal die Woche 1000 Meter in 30 Minuten. Das ist nicht schlecht für einen Wal Ende 40. Im Sommer gehe ich fast täglich in den Baggersee und schwimme in der Regel 60 Minuten lang. Also vergleiche Dich nicht in Sachen Kleidergröße, vergleiche Dich in der Leistung. Du blöde Kuh. Dachte ich mir leider nur…

Strategien um die blöden Leute auszuhalten:

Natürlich tun die Blicke im Schwimmbad manchmal weh. Es gibt Tage, da ist man dünnhäutig und kann es kaum aushalten. Früher habe ich mich dann davon abhalten lassen, denn genau das passiert natürlich, wenn man dicken Menschen beim Sport so blöd begegnet. Heute habe ich ein paar Tricks:

Schau nicht hin

An schlimmen Tagen gehe ich nicht mit gesenktem Haupt durchs Schwimmbad, DAS würde mir nie einfallen! Sondern ich beobachte meine Zehen. Auf dem Weg ins Becken achte ich gezielt auf meine Fußhaltung und bin dabei sehr konzentriert. Denn wenn man nicht sieht, was um einen herum passiert, dann kann einen auch niemand treffen. Ich schwöre, es gibt Tage, da bin ich so konzentriert, (zum Beispiel nach Weihnachten….) dass ich auch mit einem Äffchen auf dem Kopf keine Ahnung davon hätte, wie die Leute mich anschauen.

Die Sauna-Burka

Eine liebe Freundin hat mich vor einigen Jahren überredet, mit ihr in die Sauna zu gehen. Das hatte ich mich vorher nie getraut. Dank zwei riesigen Handtüchern, die mich bis zu den Fußknöcheln verhüllen, konnte ich mit Sauna starten. Die Handtücher sind auch im Schwimmbad und am Baggersee oder Pool hilfreich. Den Namen „Sauna-Burka“ hat meine Freundin aufgebracht und das, obwohl ich niemals meinen Kopf verschleiere.

150×220 die passt!

Schau zurück, möglichst lange

Wenn Leute total unerträglich sind, bleibe ich mittlerweile stehen und schaue zurück. Vor allem ältere Menschen sind oft völlig hemmungslos. Zwei alten Damen, die sich hörbar über mich unterhielten, habe ich kürzlich den Rest gegeben. Sie sprachen doch tatsächlich darüber, wie man sich denn im Freibad aufhalten kann, wenn man so aussieht wie ich. Und das mit Hintern und Brüsten die, wie es mit Mitte 70 normal ist, nicht mehr knackig an Ort und Stelle waren. Ich empfinde das als völlig normal und problemlos. Aber es mag Menschen geben, die auch alten Menschen aus diesem Grund den Zugang zum Freibad verwehren würden, oder nicht? Ich dachte, ich setze mal ein Signal für positive Kommunikation, bin gerade und lächelnd auf sie zugegangen und habe ihnen dazu gratuliert, dass sie sich in ihrem Alter noch in den Bikini trauen, wo eben nicht mehr alles so straff ist. Das hat gesessen, als die beiden wieder Luft hatten für eine Antwort, war ich schon im Wasser.

Auch auf dem Fahrrad und im Gym muss man Idioten aushalten. Das ist aber ganz einfach. Wenn mir jemand blöd kommt, wenn ich auf dem Rad unterwegs bin und einen Spruch macht oder glotzt, dann hebe ich ehrlich gesagt ganz locker den Mittelfinger. Das kommt bei einer dicken Mutti mit breitem Sattel und Blümchenhelm besonders gut. Ganz lässig. Ich bin nicht besonders stolz darauf, dass ich mich so verhalte, aber hey…. Es tut mir gut.

Wenn meine Tochter dabei ist, bleibt der Finger natürlich am Lenker

Beim Krafttraining finde ich es besonders unangenehm, Idioten zu begegnen. Man kommt ihnen so schlecht aus. Was mir immer geholfen hat, waren schmächtige Idioten-Jungs. Meine Muskeln sind alleine schon durch mein hohes Körpergewicht ziemlich stark. Wenn ich mich neben solche Vollpfosten auf die Beinpresse setze und lächelnd 130 Kilo einstelle, dann sind die meistens ruhig.

Ok, ich lächle nicht immer…

Das Resümee

Mal davon abgesehen, dass es immer wirklich scheiße ist, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen oder sie auszulachen – Hey Muttis, wenn das an der Schule eurer Kinder passiert, seid ihr geschockt und nennt es „Mobbing“ – es ist mies und dumm, Menschen den Vorwurf zu machen, sie seien undiszipliniert und hätten sich nicht im Griff und gleichzeitig fette Steine in ihren Weg zu legen. Ihr müsst keinen Hofknicks machen und auch keinen Beifall anstimmen, wenn eine dicke Lady wie ich ihren Schokoladenfriedhof durchs Schwimmbad schaukelt. Aber schaut doch einfach weg, haltet doch einfach den Mund. Wenn es denn so abstoßend ist uns zu sehen, dann seht doch einfach nicht hin.

Und ihr dicken Ladys da draußen.. und auch die dünneren, die sich nicht trauen. Geht los, presst euch in einen Badeanzug und stürzt euch in die Flut. Jeder hat einen Beachbody und zwar in dem Moment wenn es einen Beach und einen Body gibt.

Und mal abgesehen vom Sport und vom Fett. Das Thema ärgert mich halt besonders, weil es so paradox ist. Jemand verurteilen und wenn er etwas ändern will, scheiße behandeln. Das geht gar nicht. Aber dieses Problem mit den anderen Menschen hat jeder der nicht in der Masse untergeht. Beim Einkaufen, Busfahren, wo auch immer. Bist Du dünn, dick, gehandicaped oder ein Transgender, hast Du keine Haare oder Haare, wo sie nicht hingehören. Ist die Nase zu groß, oder stehen die Ohren ab. Was auch immer. Die Leute glotzen und verhalten sich seltsam. Hört einfach auf damit und seid nett. Schaut weg und denkt, was ihr mögt. Glaubt niemals die betroffene Person merkt nicht, dass ihr lästert oder glotzt. Glaubt niemals Euer so super witziger Spruch sei originell. Wir haben den schon 1000 Mal gehört. Einfach nett sein. Einfach mal so.

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