Sie ist mir oft unheimlich, diese Nähe zu meiner Tochter. Wie ich fühle, was sie fühlt. Jeder Ärger im Kindergarten, wenn sie sich so hilflos fühlt, schnürt mir den Hals zu. Ich beruhige mich damit, dass es für sie nicht so schlimm sein kann, sonst würde sie sich anvertrauen. Aber sie beißt sich da durch, ihr Weg – da kann ich erzählen, was ich will. Das musste ich irgendwann akzeptieren.

Es ist mir auch unheimlich, wie sie weiß, wenn ich nicht ok bin. Wie dieses fünfjährige Mädchen mich lesen kann. Sie versucht, mich zum lachen zu bringen. Sie erinnert mich an schöne Erlebnisse, die wir hatten, immer wenn ich angeschlagen bin. Wenn ich sehr müde bin, spielt sie Baby mit mir. Deckt mich zu.

Wie sie mich in den Arm nimmt und sagt: “Du bist die beste Mama auf der Welt“, wenn wir eine schöne Zeit miteinander hatten. Wenn ich endlich mal locker war und nicht gehetzt. Wie muss ich sonst auf sie wirken? Ob sie wohl manchmal denkt, ich liebe sie nicht bedingungslos? Weil sie merkt, dass ich genervt bin, weil sie immer alles spürt?

Auf Augenhöhe

Diese Nähe fühlt sich so wunderschön an und macht mir trotzdem ein schlechtes Gewissen. Von Anfang an, waren wir auf Augenhöhe. Klare Rollenverteilung, aber ich nehme sie ernst und lege wert darauf, ernst genommen zu werden. Vielleicht mute ich ihr zu viel zu? Ganz klar muss ich sagen, es gab für mich gar keinen anderen Weg. Ich konnte nie „Guzi Guzi“. Meine Nähe ist anders. Die Mama die einfach nur tröstet und alles versteht, war ich nie. Die Mutter mit unendlicher Geduld, werde ich nie werden. Wir haben uns immer unterhalten und ich habe auf Lösungsansätze für Probleme gedrängt. So bin ich einfach, auch mit mir selbst. Wenn es Kleinigkeiten gibt, die sie ganz furchtbar aufregen, habe ich versucht das ernst zu nehmen. Ja, es geht ihr damit schlecht, aber ich habe auch immer dazu gesagt, dass so eine Kleinigkeit keinen Weltuntergang macht. War das wohl verkehrt?

„Mini-me“ eine Herausforderung für mich selbst

Ich sehe, was sie nicht gut macht und dabei sehe ich mich. Wenn sie etwas besonders gut kann, wenn sie ihre Einzigartigkeit im Verhalten oder Verstand zeigt, fühle ich nie dieses „Mini-me“ Ding. Dann bin ich stolz, dann ist sie Anna, (m)ein ganz besonderes Kind. Auch eine Art von Nähe.

Wenn sie unbequem ist, faul, bockig, uneinsichtig- dann sehe ich mich. Sehe meine Fehler und das trifft mich besonders. Manchmal kann ich das schlecht kanalisieren und übertrage den Ärger über mich auf sie. Reagiere besonders verständnislos, weil ich dieses Verhalten missbillige. Ich will sie eben vor meinen Fehlern bewahren. Ich ertrage den Spiegel nicht, der da sehr klein und blond vor mir steht und wütend gegen eine Tür tritt. Aber was kann sie für ihre Mutter? Wie schmerzhaft kann Nähe sein? Wie unfassbar kompliziert ist dieses Mutter-Ding eigentlich?

Selbstreflexion ist mein neues Steckenpferd

Das habe ich gelernt in 5 Jahren Mutter sein. Blitzschnell darüber nachzudenken, warum ich denn plötzlich so unfassbar wütend bin.

·         Bin ich müde, oder gestresst?

·         Kann ich den Spiegel nicht aushalten und finde mich eigentlich grade selbst Scheiße.

·         Gebe ich der Kleinen die Schuld daran, dass ich Rücksicht auf sie nehmen muss?

·         Verhält sie sich gerade wirklich so unfassbar blöd, dass ich einfach wütend werde?

Diese Reflexionsphasen gehen immer schneller und ich gehe dabei nicht zimperlich mit mir selbst um. Wenn ich müde oder gestresst bin, kann ich das trotzdem nicht gut handhaben, dann warne ich sie. Auf Augenhöhe: „Es tut mir leid, dass ich heute so schnell genervt bin, Du bist völlig in Ordnung. Ich bin einfach sehr müde heute“. Natürlich muss ich dann auch die Reaktion verkraften: „Das ist total ungerecht, Mama. Ich habe Dich nicht daran gehindert zu schlafen“

Wenn ihr Verhalten mich zu sehr an meine Schwächen erinnert, bin ich nach wie vor fast hilflos meinem verrückten Kopf ausgeliefert. Ich versuche mich dann zurück zu nehmen, aber das endet meist nicht gut. Ich lerne. Täglich.

Nähe zwischen Mutter und Tochter

Ich kenne das Thema bereits seit Jahren, nur aus der anderen Perspektive. Meine Mutter und ich hatten genau dasselbe Verhältnis. Nur war das in meiner Kindheit mit der Augenhöhe noch nicht so gegeben. Die Nähe, und dass sie immer wusste, was ich fühle, ging mir als junge Erwachsene einfach zu weit. Ich wollte unabhängig sein. Dass sie ihre Fehler in mir sah, konnte ich natürlich überhaupt nicht ertragen. Ich zog möglichst weit weg und sah meine Mutter über viele Jahre nur ein paar Mal im Jahr. Auf eines konnte ich mich über die Zeit verlassen – wenn es mir nicht gut ging, rief meine Mutter mich an. Ohne, dass sie wissen konnte, ob irgendetwas nicht stimmte. Umgekehrt war das natürlich genauso. Ab Ende zwanzig gab es wieder echte Nähe zwischen uns, die ich sehr genossen habe. Ich war auf Augenhöhe angekommen und konnte es ertragen, dass sie mich lesen kann. Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, meine Tochter nicht zu sehr in die Zange zu nehmen. Dann könnten wir uns die große Entfernung sparen.

Ich war gewarnt und trotzdem völlig unvorbereitet

Hochschwanger saß ich auf der Geburtstagsfeier einer Bekannten und führte ein Gespräch mit Silke, Mutter von zwei Kindern. Ich war neugierig und fragte sie aus über das Leben als Mutter.

Sie erzählte mir lustige Anekdoten, von überquellenden Windeln, Schlafmangel und was man halt so erzählt. Dann bekam sie urplötzlich feuchte Augen und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Du musst Dich darauf vorbereiten, dass da mehr Liebe sein wird, als Du jemals empfunden hast. Das ist schön. Aber oft ist da auch mehr Liebe, als Du verkraften kannst“. Wie Recht sie hatte.


Das wunderschöne Beitragsbild stammt von Doro Dahinden, von meinem Lieblingsblog Mutterkutter 

Danke Doro!

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