Das Jahresende macht unsere Tränenkanäle irgendwie undicht

Tränen fließen ja eigentlich bei jeder festlichen Gelegenheit. Weltmeisterschaften, runde Geburtstage und der Jahreswechsel gehören definitiv zu den top Heul-Gelegenheiten. Apropos Silvester, schon die Jahresrückblicke, die immer alle Katastrophen des vergangenen Jahres wieder ins Bewusstsein rücken, sind häufig nicht ohne Taschentuch zu überstehen.

Und dann spätestens, wenn einem kurz vor Mitternacht bewusst wird, dass es wieder ein Jahr weniger in der Zukunft gibt, man über die Unsicherheit nachdenkt, die jedes neue Jahr mit sich bringt und irgendein ein Vollidiot den guten alten Gassenhauer „Nehmt Abschied Brüder“ anstimmt, öffnen sich die Tränendrüsen wie Scheunentore zur Erntezeit. Bei euch etwa nicht?

Weihnachten rührt jeden. Wir denken an die Kindheit, an alle Menschen die nicht mehr bei uns sind und welche Rolle sie für unser Leben gespielt haben. Wir sehen rührselige Filme, wie “der kleine Lord” oder “Sissi” und holen Omas Bleikristall aus dem Schrank.

All das fördert die Produktion von Tränenflüssigkeit, so scheint es. In der Kirche gibt es den emotionalen Overkill spätestens, wenn die ersten Töne von „Stille Nacht“ aus der Orgel ertönen, ich lass einfach laufen und konzentriere mich aufs Singen. Eine Kirche ohne Taschentücher zu betreten, ist für eine Dauersirene wie mich sowieso keine gute Idee. Ja, das bin ich wirklich: eine Dauersirene. Ich bin zu allen möglichen Gegebenheiten gerührt, ein nettes Gespräch an Heiligabend mit meinem Vater und meiner Schwester ergab ganz klar, dass wir einfach das Heul-Gen in unserer DNA haben müssen, es sitzt offensichtlich sehr nah am Musik-Wiedererkennungszentrum und wird durch den Genuss von Alkohol sehr aktiv.

Heulen für den Weltfrieden und im Karneval

Zu Beginn meiner Pubertät war ich politisch relativ aktiv, als Teil der damals riesengroßen Friedensbewegung, Ostermarsch und so. Schon damals ging mir die Mischung aus Widerstand und Machtlosigkeit, die auf den Demonstrationen mitschwang, schwer ans Herz. Die ersten Töne von „We shall overcome“ und mein persönlicher Springbrunnen setzte sich in Gang. Ich war 12, fand mich sehr erwachsen, hatte Angst vor Atomwaffen und fand Typen mit Büchern und Bärten ziemlich faszinierend, alles ausreichende Gründe, um sich emotional voll einzubringen.

Heute bin ich natürlich wesentlich abgeklärter, aber wenn zum Beispiel in einer überfüllten Altstadtkneipe im Kölner Karneval 800 stockbesoffene Jecken (auf 500 Stehplätzen) „En unsrem Veedel“ anstimmen (eine Art Hymne auf die Solidarität der Bewohner eines Stadtviertels), dann brechen alle Dämme und ich bin die Einzige in der fröhlichen Menge, die ein Taschentuch braucht. Ein bisschen schwierig sind dabei die betrunkenen, schwitzenden Männer, die spontan trösten wollen und nicht verstehen, dass ich ganz gerne betrunken und gerührt weine. Liegt vielleicht auch daran, dass ich Männer mit Büchern und Bärten immer noch besser finde, als Männer mit roten Nasen und Kölsch Fahne.

Die Schwangerschaft: ein Meer der Tränen

Ungeahnte Mengen an Tränenflüssigkeit liefen aus meinem Gesicht als ich schwanger war, es reichte ein böser Blick in der S-Bahn, ein sentimentaler Spot für Babywindeln oder eben auch eine leere Süßigkeiten-Schublade. Ich war und bin eher eine taffe Frau: harte Filme, harte Drinks und kerniger Humor quasi, aber diese Schwangerschaftshormone, dieses Mutterding hat mich so unfassbar weich gemacht.

Hey, ich lächle fremde Babys in der U-Bahn an…. Undenkbar für die alte Anke. Sich von den Meinungen anderer irgendwie beeinflussen lassen? Böse Blicke nicht aushalten können? Ein Witz für die alte Anke… In der Schwangerschaft kannte ich mich nicht mehr wieder. Tränen und Empfindlichkeit bei jeder Gelegenheit. Einige dieser hormonell bedingten, zusätzlichen Tränenkanäle haben Jahre gebraucht, um wieder zuzuheilen. Einige werden für immer bleiben, leidende Kinder kann ich immer noch nicht in Filmen sehen. Ein Tatort mit Kindesentführung quält mich emotional so sehr, dass das Vergnügen an der spannenden Unterhaltung völlig zurücktritt und ich so lange maule, bis mein Mann umschaltet.

Diese Veränderung an sich selbst zu beobachten und wohl oder übel zu akzeptieren, gehört übrigens zu der Kategorie „sich selbst kennen lernen“ über die ich in meinem letzten Artikel geschrieben habe. Den gibt es hier nachzulesen. Was bedeutet es ein Kind zu haben?  

Sind Tränen erblich?

Ich kann es nicht wissenschaftlich belegen, aber ich erinnere mich an die Ankunfts- und Abschiedstränen meiner Mutter und Großmutter, wann immer die Oma aus Hamburg bei uns anreiste. Ich kenne meine Eltern heulend vor Freude, Rührung, Wut und Schmerz. Wenn ich gemeinsam mit meiner Schwester in der Kirche sitze, dürfen wir uns nicht anschauen, weil wir grundsätzlich an den selben Stellen vor Rührung die Wasserversorgung aktivieren.

Dass meine Tochter eigentlich fast jede Gelegenheit ergreift um zu weinen, hat mich deshalb nie gewundert, aber kürzlich waren wir zusammen im Kino und sie hat wirklich an den dramatischen Stellen des Filmes herzzerreißend geweint und -als das Ende natürlich gut war- dann noch einmal aus Rührung und ich gleich mit. Tja. Pech gehabt, sicher nicht das einzige eher unangenehme Erbe, das sie von Mama hat.

Sind Tränen Fluch oder Segen?

Unangenehm ist das Erbe sicher für mein Kind, aber auch ein Fluch? Ich habe es oft so empfunden in meinem Leben, aber spätestens seit ich um meine Mutter getrauert habe, hat sich diese Sichtweise verändert. Ich habe so viel geweint damals, über ein Jahr hat es gedauert, dass ich nicht mehr einfach plötzlich vom Schmerz überrollt weinen musste, einfach so ohne Vorwarnung. Beim Spazierengehen, am Flughafen, im Auto, am Schreibtisch- die Tränen waren allgegenwärtig. Ich fühlte die Tränen kommen und konnte sie nicht halten, fast nie. Natürlich war nach dem Heulen nichts wieder gut, das ist ja das Problem an Trauerbewältigung, da gibt es nichts, was wieder gut werden kann. Aber ich muss sagen, wenn es mich so stundenlang nicht mehr losgelassen hatte, das Tränenmeer, dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich einfach schwer und müde war. Das war gut, dieses Gefühl.

Die Trauer kam in der Schwangerschaft nochmal wieder, weil meine Mutter eben nicht mehr ihr zweites Enkelkind kennen lernen konnte und auch heute kann ich noch darüber weinen. Aber all das hat mir etwas gebracht. Ich habe begonnen, meine vielen Tränen als Ventil zu schätzen. Eine meiner Tanten (auch aus der erblich belasteten Familie), hat mal gesagt: „Lass das raus, das ist wie bei einem Schnellkochtopf, da muss regelmäßig Dampf raus, dann geht es wieder.“

So halte ich es jetzt auch in meiner Rolle als Mutter, egal wie unfassbar sehr es mich manchmal nervt, dass die entzückende, kleine, blonde Sirene schon wieder aktiv ist.

Ich sage ihr: „Ja, das muss jetzt raus und dann putzen wir die Nase und es ist wieder gut“- Dass sie dann häufig heult, weil sie die Nase putzen muss, ist ein Detail, das so gar nicht in meinen salbungsvollen Text passt. Ist aber trotzdem die Wahrheit… und dann sag ich auch manchmal, „Hör jetzt einfach auf zu heulen, bitte“

 


Was bringt Euch zum weinen? Lasst mir einen tröstenden Kommentar da, sonst heul ich! 🙂

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