Die Frau, die ich sein will, bin ich nicht oft

Zum Muttertag möchte ich einmal nicht darüber schreiben, wie schön oder auch oft blöd der Muttijob ist. Ich schreibe über Selbstzweifel. Das Netz ist heute voll mit tränenrührenden Werbefilmen zum Thema Dankbarkeit, die Kinder basteln im Kindergarten und die Blumenhändler freuen sich. Das ist genug, finde ich.

Es ist mir ein echtes Anliegen, mich mal darüber auszukotzen, was uns Mütter mit den Großmüttern, den Single-Frauen und den Ladys, die sich gegen Kinder entschieden haben, verbindet. Wir sind Frauen. Diese Tatsache ist genauso wundervoll wie schwierig. Denn wenn man alle Katastrophen wie Lohngleichheit und sexistische Gesellschaft mal außer Acht lässt, bleibt ein großer Stein in Richtung Glück liegen, über den alle Frauen immer mal wieder stolpern: die Selbstzweifel.

Sie ist eine der am weitesten verbreiteten Frauenkrankheiten. Wir stehen in Umkleidekabinen und wollen uns die Augen zuhalten. Wir hören uns selbst am Telefon jammern und verurteilen uns dafür, dass es zum Abendbrot Hähnchen-Nuggets gibt. Wir finden, dass wir mit Technik nicht ausreichend gut zurechtkommen oder dass wir uns in einigen Situationen nicht cool genug verhalten. Wir hassen unser Lachen oder die Ohrläppchen, die Augenbrauen sind schief. Andere Frauen sind schöner oder sprechen akzentfrei englisch. Diese Liste ist total unvollständig, aber ich habe halt leider immer Defizite in meiner Arbeitsqualität. 😉

Meine größten persönlichen Dauerthemen sind:

Wenn ich mal ganz ehrlich mit mir bin, machen das Gejammer  und das Gefühl so total unperfekt zu sein, überhaupt keinen Sinn.

Was hilft es zum Beispiel meinem Hosenbund, wenn ich beim Essen wehklage und ein schlechtes Gewissen habe?

Wird meine Wohnung sauberer, wenn ich morgens auf dem Weg ins Bad die Augen schließe, damit ich nicht sehe, wie viele meiner Schuhe im Flur liegen?

Nutzt meinem Kind das schlechte Gewissen, wenn ich mich immer wieder in Drucksituationen bringe und dadurch reizbar werde?

Entweder man ändert etwas oder man jault nicht herum. Sind denn diese Mankos wirklich so schlimm, wie ich sie empfinde?

Vor einigen Tagen habe ich mit meiner Lieblingsbloggerin telefoniert. Doro, mein Nordlicht von mutterkutter.de. Sie ist auch so ein hartnäckiges Opfer ihrer Selbstzweifel, wie ich.

Doro ist ALLES was ich gerne wäre: Schön, fast faltenfrei, sportlich, schlank, klug- sie hat sogar einen aufgeräumten Kleiderschrank und eine fehlerfreie Rechtschreibung. Trotzdem findet sie sich auch total unperfekt. Unfassbar für mich!

Unsere Gespräche sind immer „zack-zack“. Wir kennen uns nicht persönlich, aber schaffen es beide, innerhalb von ein bis zwei Minuten zum Wesentlichen zu kommen.

Viele Dinge erleben wir als Mütter gleich: Unser ewiges Gejammer darüber, dass wir fast nie die Mütter sind, die wir sein wollen. Schlechte Wetter quält uns, weil wir beide keine „Spiel-Mamis“ sind, sondern eher „Rausgehen und etwas unternehmen“-Mütter. Wir regen uns auf, dass wir mit den Kindern nie die Geduld aufbringen, die wir eigentlich von uns erwarten. Uns bleibt immer zu wenig Zeit oder zu wenig Kraft, um all das zu erledigen, was wir wollen. Wir arbeiten beide unfassbar gerne, weil wir dabei die Erfahrung gemacht haben, dass wir das können. Darin sind wir gut. Es gibt viel weniger Selbstzweifel als bei der Erziehung.

Warum stehen wir uns selbst im Weg?

Was mich wirklich wundert? Warum Doro eigentlich unzufrieden mit sich ist. Mutterkutter.de ist ein wunderschönes Muttermagazin, das sich mit Menschen, Eltern und Gedanken beschäftigt. Es ist tiefgründig, witzig, manchmal nachdenklich und oft informativ sowie absolut respektvoll und empathisch. Und das hat Doro aufgebaut – so ganz nebenbei. „Nebenbei“ zu zwei kleinen Kindern. Die Vollzeitmami steckt ihr nicht im Blut. Sie war Reporterin: immer auf Achse, Menschen interviewen, Fotos schießen.

Der Kitaplatz hat nicht funktioniert und Doro landete, wo sie nie hinwollte: daheim in Vollzeit. Sie nimmt das an und macht das Beste daraus. Nur stolz ist sie darauf nicht. „Nebenbei“ baute sie die tolle Webseite und einen starken Facebook-Kanal auf. Dann stieg ihre Mitstreiterin bei Mutterkutter aus – und was macht Doro? Nein, sie hört nicht auf. Sie sucht sich in kürzester Zeit eine neue Partnerin. Darüber ist sie froh, aber nicht stolz auf sich selbst, sondern sie ärgert sich, dass sie nicht mehr schafft. Äh, ja.

Zwischendurch habe ich ihr mal einen Text zum Korrekturlesen geschickt. Er kam innerhalb von Minuten zurück – einhändig getippt per SMS, in der anderen Hand der Maxi-Cosi mit dem Baby. Sie fragte, ob ich mit den Kurznotizen als Korrektur klarkäme. Zu Weihnachten teilte sie mir per WhatsApp mit, dass sie zurzeit leider nur nebenbei zum Schreiben käme, wenn die Große bade. Dabei sitze sie auf der Toilette mit dem Laptop auf den Knien. Wahnsinn. Aber sie ist verwundert, wenn sie abends zu müde zum Schreiben ist. Klar, Doro! Mary Poppins hätte das mit links gemacht, wenn die Kinder endlich schlafen. Immer wieder frage ich mich, wo sie die Energie hernimmt und ich wundere mich, dass sie trotzdem nie zufrieden ist.

Wie weit verbreitet ist die Krankheit Selbstzweifel? Kennt ihr eine Therapie?

Habt ihr diese Frauenkrankheit auch? Wir sind nie schön genug, nie dünn genug, nie geduldig oder kreativ genug für unsere hohen Ansprüche. Verrückt. Wir stehen uns so oft selbst im Weg. Letztens habe ich mich bei meiner Tochter entschuldigt, weil ich echt blöd zu ihr war. Sie hat gesagt: “Mama, ich habe Dich genau so lieb, wie Du bist“. Da musste ich weinen und habe mir gedacht- ich mich aber leider nicht. Also fragt mich nicht nach einem Mittel dagegen.

Aber fragt mal Doro, die haut richtig gute, tief mitempfundene Ratschläge raus, so ganz “nebenbei”. 😉


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