Eine Stunde im Mütterforum…und ich verstehe das Leben nicht mehr

Vor Kurzem hatte ich eine nette U-Bahn-Unterhaltung mit einer älteren Dame. Ich setzte mich zu ihr auf die Bank und sie bedankte sich zur Einleitung erst einmal dafür, dass ich sie beim Hinsetzen angelächelt hatte. Die Welt heutzutage war ihr völlig fremd geworden und sie meinte, es gäbe immer weniger Menschen, die einfach so ohne Grund lächelten.

Für meine Ohren klang das ein bisschen verrückt und schon sehr depressiv, also habe ich mal nachgefragt, was sie denn so alles nicht mehr verstehen könnte. Was ich dann zu hören bekam, hat mich wirklich nachdenken lassen. Die alte Dame war 86 und die moderne Technik, der sie nicht mehr hinterherkam, hat sie vom Leben wirklich entfernt.

Sie schaute Nachrichten nicht mehr gerne, weil sie alle Informationen, die mit dem Internet zu tun hatten, einfach nicht verstand. Wie denn zum Beispiel alle Menschen wissen können, was der amerikanische Präsident schreibt und wo man das denn sieht, dieses „Twitter“. Wer denn dieser blasse Junge ist, „Herr Zuckerberg“, der vom US-Kongress befragt wurde, wollte sie von mir wissen und wie denn Abgaswerte von einem Auto gefälscht sein können. Man könne doch sicher messen, was aus dem Auspuff rauskommt.

Aus dem Haus gehe sie nicht mehr so gerne, weil man (zumindest hier in München) beim Busfahrer keine Fahrscheine mehr kaufen kann. Diese Automaten, die man überall findet, konnte sie nicht bedienen. Und ihr Lieblingscafé verkaufte statt gutem, echtem Filterkaffee jetzt „irgend so ein Gesöff mit viel Milch und wenig Kaffee“. Das hätte sie vor Jahrzehnten so für ihre Kinder zum Trinken gemacht, denen sie den Mittagsschlaf abgewöhnen wollte.

Ich musste oft schmunzeln, habe versucht, viel zu erklären und nach diesem Gespräch habe ich nachgedacht, wann es denn bei mir so weit sein würde, dass ich die Welt nicht mehr verstehe.

Das Mütterforum im Internet – meine fremde Welt

Ja, jetzt wird es etwas schwierig für mich. Jetzt kommt der Punkt in diesem Text, wo ich gestehen muss, dass es bereits jetzt so weit ist.

Ist mir ein bisschen peinlich dieses Geständnis. Ich wäre so gerne am Puls der Zeit. Darum mache ich hier ein hübsches Bild ohne größeren Sinn rein. Versteht es als Übersprungshandlung.

Irgendwie war mir langweilig an diesem Nachmittag und ich suchte nach Themen zum Schreiben. Da landete ich auf einer Seite, wo sich Mütter über Erziehungsprobleme, pädagogische Theorien und so weiter austauschten. Nach wenigen Minuten musste ich an die alte Frau aus der U-Bahn denken; nach einer Stunde fühlte ich mich wie sie.


Frage einer Mutter:

Mein Kind zieht sich die Hose runter und pinkelt im Wohnzimmer neben einen Sessel. Was soll ich tun?

Erste Antwort: Stell ihm doch ein Töpfchen neben den Sessel!

Meine Antwort:  Denkt ihr wirklich, es ist gut, dem Kind anzutrainieren, dass es optional ist, wo man zum Pinkeln hingeht? Wo man pinkelt, ist doch nun wirklich festgelegt. Überall auf der Welt gibt es dafür einen speziellen Ort.


Sie haben mich zerfleischt. Ob ich denn meinem Kind immer derart meinen Willen aufzwinge. Wenn das Kind das Bedürfnis hat, im Wohnzimmer neben den Sessel zu pieseln, dann müsse man das Bedürfnis ernst nehmen.

Ich zog von dannen, in einen anderen Thread.


Frage einer Mutter: Wie findet ihr das? Mein Kind mag keine Mützen. Heute waren wir auf dem Spielplatz und eine fremde Frau ist zu meiner Kleinen gegangen und hat ihr die Kapuze aufgesetzt. Total übergriffig!

Diverse Antworten, die auf die böse Frau schimpften.

Meine Frage: Heute waren es in München (wo die Mutter auch zu Hause war) Minus sechs Grad und es wehte ein eisiger Ostwind. Könnte man nicht sagen, dass das Verhalten der fremden Frau eher Zivilcourage als Übergriffigkeit war? Sie wollte sicher das Kind vor einer schlimmen Krankheit bewahren.


Das ging so ab – ich fürchte mich, die gesammelten Anschuldigungen der Mütter hier zu posten. Auf jeden Fall beharrten viele darauf, dass auch, wenn es um die Gesundheit oder Sicherheit des Kindes gehe, das letzte Wort immer beim Kind liege. Schließlich haben auch Kinder ein Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper. Außerdem seien Konflikte mit den Kindern grundsätzlich zu vermeiden.

Auf die Klage einer Mutter, die ihr Grundschulkind noch zweimal täglich stillt und sich furchtbar über die Reaktion der Lehrerin aufregte, weil sie das mit dem Stillen offensichtlich im Foyer der Schule (oder ähnlich) erledigte, habe ich nicht mehr reagiert. Ich las die Zeilen immer wieder und musste mir eingestehen, dass ich die Welt nicht mehr verstehe.

Hallo Mütterforum: Wo ist denn die elterliche Sorge, wenn Kinder frei entscheiden dürfen, ob sie Mützen, Fahrradhelme und Brillen tragen wollen. Kinder können doch keine Temperaturen einschätzen, oder liege ich da falsch?

Wo bleibt das Bedürfnis der Kinder nach Autonomie und „Großwerden“, wenn die Mütter es bis zum sechsten Lebensjahr nicht schaffen abzustillen? Ich weiß, es gibt Mütter die glauben das natürliche Abstillalter sei zwischen zwei und sieben Jahren. Ich habe keine Ahnung davon! Aber mal im Ernst, ich frage Euch: Was macht es mit den Sozialkontakten eines Kindes, wenn es in der Grundschule im Foyer gestillt wird?  Das fühlt sich für mich total schlimm an. Warum gehört es nicht zur Fürsorgepflicht, das Kind liebevoll und sorgsam aufs Leben vorzubereiten?

Es gibt Eltern, die lassen sich schlagen, bespucken, treten. Es gibt Kinder, die entscheiden darüber, mit fünf Jahren noch permanent einen Schnuller zu brauchen und so weiter. Die Mütter sagen, das Bedürfnis nach dem Schnuller sei wichtiger als der Zahnschaden oder die sprachlichen Schwierigkeiten, die daraus wahrscheinlich entstehen können.

Ich fühle mich wie die alte Dame aus der U-Bahn. Kann mich irgendwer verstehen da draußen?

Ich will mich hier nicht hinstellen und den einen oder anderen verurteilen. Es ist wirklich ein kompliziertes Unterfangen, den Kindern gerecht zu werden und sie gleichzeitig auf die Welt da draußen vorzubereiten. Ich selbst scheitere oft genug an meinen eigenen Ansprüchen, wie ich hier ehrlich beschreibe. Wie Kindererziehung zu meiner Zeit als Kind war, würde ich nicht wiederhaben wollen. Gott sei Dank nehmen wir die Kinder und ihre Bedürfnisse viel ernster! Aber es ist doch wichtig für Kinder zu erleben, dass es im zwischenmenschlichen Bereich Grenzen gibt, die eingehalten werden müssen. Es ist doch auch wichtig für Kinder zu lernen, dass auch Erwachsene Bedürfnisse haben, die von Zeit zu Zeit erfüllt werden müssen. Auch wenn das Kind dafür zurückstecken muss.

Und seit wann sind Erziehungsfragen so dogmatisch geworden? Warum ist es nicht mehr Liebe und Bauchgefühl, die eine Mutter leiten? Warum sind es Ratgeberbücher und Mütterforen? Warum brauchen wir neuerdings für ALLES was wir tun einen Namen, einen Trend, eine Welle? Sei es Ernährung, Sport, Kindererziehung und so fort. Ich möchte nichts davon verurteilen, ich würde es nur so gerne besser verstehen.

So und jetzt warte ich darauf, dass viele Mütter über mich herfallen. Macht nichts, vielleicht lerne ich ja etwas. Ich freue mich derweil im Stillen darüber, dass ich mir am Automaten eine Fahrkarte kaufen kann.


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