Bevor ich Mutter wurde, hatte ich sehr genaue Ideen davon, wie ein Kind zu ernähren ist. Gemüse, Vollkorn und so. Ich hatte auch Vorstellungen von Erziehung, von der Rolle, die Großeltern zu spielen haben, welche Strukturen ein Kind braucht und wie das mit dem Schlafen ist. Und dann kam das Kind.

Das Kind hatte von Anfang an sehr klare Vorstellungen davon, wie das mit dem Essen und dem Schlafen ist und wie man den Umgang mit der Welt der Erwachsenen regelt. Das hat sich auch nicht geändert. Nicht ohne Grund trägt meine Tochter den Beinamen „die Kanzlerin“.

Die erste Mitteilung über den kindlichen Speiseplan erhielten wir, als es Zeit für Beikost wurde. Unsere Tochter war schon bei der Geburt ein kleiner Riese und bekam mit drei Monaten die ersten Zähne. Also starteten wir bereits gegen Ende des dritten Lebensmonats mit Gemüsebrei.

Ich werde nie den fassungslosen Blick vergessen, als ich meiner Tochter den ersten Möhrenbrei servierte. Dieser Blick, irgendwo zwischen „Ist das ein lustiges Spiel?“ und „Warum willst Du mich vergiften? Ich bin dein Baby!!“. Hinzu kam die kindliche Entrüstung, die klar gewann, und das unfassbar laute Gebrüll. Heute kann ich lachen und erinnere mich mit Verzückung an das Farbspiel aus hochrotem Babykopf und karottengelbem Schnauzbart. Damals dachte ich, dass Rabenmütter es im Gegensatz zu mir zumindest schaffen, ihre Kinder artgerecht zu ernähren.

Was ich damals noch nicht ahnte: Dass diese Kämpfe ums Essen gerade mal ein lockeres Warmmachen für das, was folgte, sein würden. Ein bisschen unheimlich wurde das Kind mir, als sie mit vier Monaten den Gemüsebrei verweigerte und energisch nach unserem Schweinebraten griff. Natürlich haben wir ihr etwas abgegeben. Auf die ordentliche Mahlzeit vom Schwein folgte die ruhigste und entspannteste Nacht, die wir bis dahin mit ihr hatten. „Müd‘ und satt, wie schön is‘ datt!“

Wir essen gesund. Das Kind isst so gesund wie möglich.

Seit diesem Zeitpunkt haben wir so ziemlich alles drangegeben, woran ich einmal geglaubt habe. Ich habe einfach keine Lust auf ständigen Streit und möchte das Kind natürlich auch nicht zwingen, etwas zu essen.

Wir verhandeln und zu so ziemlich jeder Mahlzeit muss es etwas geben, das gemüsig ist – wenigstens zwei kleine Tomaten. Ich denke Vitamine und sonstige Nährstoffe bekommt sie ausreichend durch Obst. Ansonsten ist der Speiseplan meiner Tochter extrem eingeschränkt (Süßigkeiten mal ausgenommen):

  • Grießbrei
  • Maultaschen
  • Nudeln (nicht immer)
  • Tomaten/Karotten als Rohkost
  • Kartoffeln
  • Eier
  • Würstchen
  • Cheeseburger
  • Brot ohne Körner
  • Erdbeermarmelade
  • Fischstäbchen
  • Joghurt
  • Schnitzel
  • Pommes
  • Grillhähnchen
  • Pfannkuchen
  • Obst
  • Pizza

Es hilft kein gemeinsames Kochen – selbst wenn sie trockene Nudeln essen muss, weil sie die Soße verweigert, ist ihr das lieber. Man könnte verzweifeln.

Gewichtskontrolle bei einem Kindergartenkind? Echt nicht.

Süßigkeiten gibt es nur am Wochenende. Wirklich ungesundes Zeug wie Pommes und Co. sind eine absolute Ausnahme und die Menge an Joghurt, die sie am Tag essen darf, ist reglementiert. Ich versuche dadurch die Kalorienmenge im Auge zu behalten. Mehr ist nicht drin. Wir haben einen gemeinsam erstellten Essensplan; das verhindert dauerhafte Reibung. (Das Bild von unserem Essensplan ist alt. Mittlerweile ist die Auswahl der Lebensmittel deutlich kleiner geworden…)

Eine Zeit lang hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ein total gestörtes Essverhalten und spätestens seit der Pubertät massives Übergewicht habe.

Bei uns wurde gegessen, was auf den Tisch kommt und davon alles, was man auf den Teller geladen bekommen hat. Punkt. Wenn es mal etwas wirklich Leckeres gab, haben wir gegessen, bis die Hose geöffnet werden musste. Süßigkeiten waren absolut verboten.

Die Folgen: Dass ich bis heute weder Portionsgrößen noch Hungergefühl richtig einschätzen kann und mich von Süßigkeiten trösten lasse. Das klingt so larmoyant, aber ich habe dieses Problem bis heute nicht in den Griff bekommen und ich bin fast fünfzig.

Kompromisse mit der Kanzlerin. Kabinettssitzung vor jeder Mahlzeit.

Ich fühlte mich wie ein absoluter Versager, weil andere Kinder offensichtlich gedämpfte Sellerieschnitzel essen und Rohkost vergöttern, solange sie in Tierform geschnitzt wurde. Ich esse gerne Gemüse und frische Sachen und eigentlich hat sie auch immer gesunde Küche bei uns gesehen. Ich hatte keine Chance. Die Kanzlerin hat ihren sehr eigenen Kopf.

Mittlerweile finden wir Kompromisse, ich versuche meinen Knall nicht eins zu eins an sie weiterzugeben und beobachte, wenn sie zu sehr zunimmt. Allerdings ohne Kommentare. Ich warte und bete manchmal im Stillen auf den nächsten Wachstumsschub. Ich versuche sie so wenig wie möglich zu bequatschen; was von mir kommt, kann nur irgendwie schädlich sein, glaube ich.

Wenn sie mich fragt, warum manche Lebensmittel gegessen werden können und man bei anderen „aufpassen“ muss, erkläre ich ihr das und frage mich gleichzeitig, ob es gut ist, wenn eine Fünfjährige etwas über Kalorien und die Schädlichkeit von Zucker weiß. Ich erkläre ihr konsequent, wie gut und wichtig Bewegung ist und unterstütze alles, was sie sportlich unternehmen möchte. Der Rest ist Glauben an das gute Ende.

Das klingt wie eine Bankrott-Erklärung . Der Gemüse Bankrott. Ich frage mich gerade, ob ich das überhaupt schreiben sollte

Ich möchte so sehr, dass meine Tochter mit Selbstbewusstsein und einer Liebe zu ihrem Körper aufwachsen kann. Ein starker, gesunder Körper. Nicht notwendigerweise ein sehr schlanker Körper. Ich versuche, sie stark zu machen und ihr die Zusammenhänge zu erklären, ohne die Überforderung zu betonen, die da bei mir manchmal sicher mitschwingt. Mehr kann ich nicht tun. Den Willen der Kanzlerin brechen wäre einfach nicht in Ordnung und würde zusätzlich ihr Selbstbewusstsein schwächen – das kann nur verkehrt sein.

Meine Mutter wollte um jeden Preis verhindern, dass ihre Töchter ihr Schicksal teilen und dick durchs Leben gehen müssen. Wie man an mir sieht, ist der Plan nicht aufgegangen. Die erste Diät habe ich mit zehn Jahren mit ihr zusammen gemacht. Sie hat erst aufgehört, auf mich diesen permanenten Druck auszuüben, als ich mit 24 Jahren einen Arzt erfunden habe, der mir angeblich bescheinigt hätte, dass alles in Ordnung sei. Diese dumme kleine Lügengeschichte hat ihre mütterliche Fürsorge dann beruhigt. Sie wusste mich in guten Händen. Ich hoffe die Kanzlerin wird nicht so ausgebufft, wenn sie mal groß ist. Aber, nun ja…

Es war meiner Mutter nicht bewusst, wie verkehrt das alles war. Gleichzeitig hat sie mich ansonsten zu einer so selbstbewussten und starken Frau gemacht, dass das Schicksal, „die Dicke“ zu sein, mich zwar ein Leben lang getroffen hat, aber ich bin nicht in dem Maße davon traumatisiert, wie sie es offensichtlich war.

Irgendwann wird meine Tochter lesen können und über diesen Text stolpern, da bin ich sicher. Deshalb möchte ich das Ende direkt an sie richten und an alle Mamis und Kinder mit ähnlichen Herausforderungen:

Du bist total in Ordnung, wie Du bist. Lass Dir von keinem Menschen auf der Welt etwas anderes einreden. Ob Du zu dick, zu dünn, zu groß oder zu klein bist, ist nicht so wichtig.

Was wirklich wichtig ist: Dass man sich selbst mag. Dass man auf seinen Körper achtet, weil er so wertvoll ist. Dass man andere Menschen so respektvoll und gut behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte. Jeder hat Schwächen und jeder hat Stärken. Na und?

 



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