Muttis_Welt_Muttiglueck

Nie bin ich in meinem Leben so hart und unvorbereitet von den Erwartungen meiner Umwelt getroffen worden, wie seit der Geburt meines Kindes. Die Welt ist voll von Mutti Images und es wird selbstverständlich von uns Müttern erwartet, daß wir alles erfüllen und zwar gerne.

Direkt nach der Geburt ging es los, alle wünschten mir eine „tolle Kennenlernzeit“ und rieten mir jede Sekunde zu genießen. Die Zeit flöge ja nur so mit einem Kind. Ich war allerdings extrem beschäftig damit, das Leben mit einem Säugling auf die Reihe zu bekommen, den Schlafentzug zu verkraften, Wäscheberge zu verarbeiten, zu stillen, zu überlegen wer ich denn jetzt eigentlich bin und mich von meinem alten Leben zu verabschieden.

Als ich direkt nach dem Mutterschutz wieder anfing zu arbeiten, hat wirklich niemand aus meinem Umfeld versäumt mir direkt oder durch die Blume zu sagen, dass das für das Kind ja nun eine echte Katastrophe sei. Kein Mitleid für Mutti, dafür jede Menge Mitleid für das Kind, das an den Bürotagen sehr gut zuhause bei Papa untergebracht war.

Ich habe Rotz und Wasser geheult, wenn ich morgens los mußte. Weil ich die Kleine „alleine“ lassen musste, weil meine Hormone Boogie getanzt haben und ja… auch weil die anderen zwei natürlich noch im Bett liegen durften und ich musste nach 4 Stunden Schlaf ins Büro. Wo natürlich zu Recht auch Erwartungen auf mich einprasselten, nämlich die an die taffe Führungskraft, die gefälligst trotz Kind zu funktionieren hat.

Übrigens, ich fand das erste Jahr insgesamt ganz schlimm anstrengend. Unsere Kleine war gottseidank kein sehr unruhiges Kind, eher ein gut gelaunter Sonnenschein, nur gekotzt hat sie ca. jeden zweiten Tag. Die Wohnung, das Auto, den Papa, die Schuhe, die Plüschtiere, das Bettzeug, die Mama vollgekotzt. Selbst dazu etwas kritisches oder genervtes zu sagen, war dank der Erwartungen der Außenwelt nicht angebracht. „Speikinder sind Gedeihkinder“, sagte eine Bekannte so oft zu mir, bis ich ihr anbot die nächste Ladung kotzte zu konservieren und sie ihr beim nächsten Besuch auf ihrer Couch zu verteilen, damit sie auch etwas vom Gedeihprozess hat. Aus diesem Ausraster war dann meine Verzweiflung so klar heraus zu filtern, daß zumindest dieser Spruch nicht mehr kam.

Denn was heißt denn Speikinder sind Gedeihkinder? Das heißt Mutti singe fröhlich, während Du die Kotzbrocken aus dem BH puhlst, Dein Kind gedeiht ganz besonders gut! Lache und tanze und preise den Herrgott, wenn Deine neuen Wildlederschuhe versaut ist, was für ein kleiner Preis für ein besonders gut gedeihendes Kind.

Erwartungen kommen auch von anderen Müttern, ich war in den ersten 3 Jahren schlichtweg überfordert damit, Spielplatzgespräche zu führen und fühlte mich häufig seltsam. Das ging am ersten Tag in der Kita los, als eine Supermutti mit selbst gebackenen Dinkelkeksen und einer gehäkelten Baskenmütze auf mich zu stürmte, mir die Hand entgegen steckte und sagte: “Willkommen, ich bin Michamami, die Elternbeiratsvorsitzende der Mäusegruppe“. Nachdem ich diesen Satz erstmal ewige 30 Sekunden im Kopf sortiert hatte.

  1. Niemand heißt Michamami, naja vielleicht in Finnland, sie sieht aber nicht finnisch aus, sie muss sich tatsächlich mit dem Namen ihres Kindes vorgestellt haben
  2. Die Mäusegruppe hat eine eigene Vorsitzende des Elternbeirates? Was tun sie, sich gegen die Übergriffe der Igel- und Hasengruppe zur Wehr setzen?
  3. Was erwartet diese Frau jetzt von mir?

Die sortierten Informationen formulierten mindestens 3 scharfsinnige und- züngige Antworten auf diesen Wahnsinn in meinem Kopf und Alles was ich zu Stande brachte war ein herzliches „Oha“.

Das Michamami nicht meine Busenfreundin wurde nach diesem Auftakt, muss ich nicht ausführen.

Ich habe tatsächlich ein paar Jahre gebraucht um mich wieder zu finden, auch zu entdecken was für eine Mutter ich sein will und den 1000 Erwartungen den Mittelfinger zu zeigen. Jetzt traue ich mich zu sagen, dass ich meine Tochter absolut toll finde, so wie sie ist. Trotzdem darf ich es genießen mal etwas alleine zu unternehmen, Erwachsene zu treffen und vor allem Menschen für die es keine Rolle spielt, ob ich Mutter bin.

Die einzigen Erwartungen, denen ich so gerecht wie möglich werden möchte sind:

Die meiner Tochter, meines Mannes und meine eigenen. Und all das immer so, daß es für alle Beteiligten verträglich ist. Das ist schon schwierig genug unter einen Hut zu bringen.

Allen Muttis von kleinen Kindern sage ich immer: Das wird alles besser, auch die Sache mit den Erwartungen. Mach was Dein Bauch sagt, Du bist richtig so wie Du bist.

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