Sind wir schon bereit ein Kind zu bekommen?

Diese Frage hat mir vor Kurzem ein Geschäftsfreund gestellt, dessen Frau jetzt mit 36 unbedingt loslegen will und eine Familie gründen. Er hatte Angst, wußte noch nicht ob er „schon“ dazu bereit ist ein Kind zu bekommen.

Erstmal habe ich mich natürlich auf seine Kosten amüsiert. Schon bereit? Mit 36? Ja, sorry wann denn dann? Warum denn Frauen plötzlich so einen Druck machen, hat er gefragt.

Dann habe ich ihm mal in Ruhe erklärt, wie schwierig das sein kann, schwanger zu werden. Das es eben bei 80% der Paare nicht so ist, dass sie sich irgendwann bereit fühlen und dann im nächsten Monat schwanger sind. Ich kenne mehrheitlich Paare, die nach Absetzen der Pille ungefähr ein Jahr lang mehr oder weniger diszipliniert an ihrem Nachwuchs gebastelt haben. Mit allen unromantischen Details, die man dabei so zu ertragen hat.

Bei Freundinnen über 35 hat dann häufig nur noch eine künstliche Befruchtung zum Ziel geführt. Aber ich habe auch die eine oder andere Bekannte, die schon in der Uni von Familiengründung geträumt hat und am Ende hat es nicht mehr funktioniert, weil sie zu spät angefangen haben oder als es vom Alter her noch OK gewesen wäre, dann kein Partner zur Seite stand. Es gibt auch wirklich viele Frauen, deren Körper offensichtlich keine Schwangerschaft verkraftet hat und die erleben mussten, wie ihr Traum starb. Mittendrin, unvermittelt. Ich glaube man kann sich damit gut arrangieren, ungewollt keine Kinder zu bekommen, aber es wird immer ein wenig Trauer darüber bleiben.

Zumindest war das bei mir so, als ich mit 30 die Diagnose bekam, dass ich keine Mutter werden kann. Die Trauer ist nie ganz weggegangen, bis ich mit 41 schwanger war. Da habe ich hysterisch gelacht, mein Leben war ja dann ganz anders geplant. Es kam mir vor wie eine große Ironie des Schicksals.

41 Jahre alt, pleite, mitten in der Probezeit und in einer gerade Mal 2 Jahre alten Beziehung, die sich zu dieser Zeit zwischen Köln und München abspielte. Aber mir war klar, definitiv jetzt oder nie. Mein wunderbarer Mann war genauso überfordert wie ich, aber wir haben uns einfach reingestürzt in dieses Abenteuer.

Frauen machen Druck, weil sie Kinder bekommen wollen

Das die meisten Frauen nicht plötzlich Druck machen, sondern einfach irgendwann anfangen ihre Gedanken mitzuteilen, genau das glaube ich.

Natürlich denkt man ab ungefähr 30 mindestens bei jedem Geburtstag einmal nach. Sieht sich sein Leben an, hat meistens noch nicht den richtigen Mann, schafft es noch nicht mal sein Bad regelmäßig zu putzen- wie soll man also bereit sein für ein Kind?

Wenn man über 33 ist und rings herum alle Freundinnen und Kolleginnen schwanger werden, kann man sich zwar damit trösten, dass man viel besser aussieht, als die Muttis mit ihrem veränderten Körper und den Augenringen, dass man noch immer feiern gehen kann und seine Freiheit hat, aber natürlich fragt man sich, wann man denn selbst Mutter werden wird.

Ab ca dem 35. Lebensjahr setzt die Umwelt ein: Wollt ihr denn gar keine Kinder? Ja doch, aber äh stottert man rum, wenn man einen Mann hat. Wenn nicht, dann ist der Druck noch größer. Dann sind ja noch zwei Klippen zu erklimmen.

Ab 38 nimmt der Druck ab, da bist Du raus aus dem Spiel. Da beginnt die Sprachregelung: „Ja Du, wolltest ja wohl keine Familie.“ Und auch das fühlt sich wirklich blöd an, wenn man selbst denkt, dass man etwas verpasst haben könnte.

Diesen Druck bekommen auch Frauen ab, die einfach keine Kinder wollen. Was ich für meinen Teil ein völlig nachvollziehbares Lebensmodell finde. Man muss sich das gut überlegen, ob man diese sehr schwierige, einschneidende Aufgabe antreten möchte. Kinder kriegen ist wie eine riesige, steile Piste runterrutschen, wenn man einmal über die Kante ist, gibt es kein Zurück und man ist nur damit beschäftigt, zu versuchen die Kontrolle zu behalten.

Männer haben doch ewig Zeit ein Kind zu bekommen

Und die Männer? Die haben es in der Regel nicht sehr eilig… „Ach, ist doch alles schön so wie es ist“. Aber die Männer haben ja auch mehr Zeit. Es ist ihnen auch meistens erst bewusst, dass sie jetzt Vater sind, wenn ihnen das Baby das erste Mal beim Wickeln auf die Unterlage (im besten Fall) gepinkelt hat.

Männer fühlen sich weniger ausgeschlossen, wenn sie in einer glücklichen Beziehung, aber kinderlos, die Mitte 30 überschreiten. Das ist der große Unterschied. Im Zweifel wird der berühmte Picasso zitiert, der mit 80 noch ein Kind gezeugt hat. Wie erstrebenswert das ist, vor allem für das Kind, lässt sich tagelang diskutieren. Wie selten das ist, erwähnt irgendwie kaum jemand.

Hey Jungs, die Anzahl Eurer Spermien schrumpft ab 16 jährlich um statistische 0,7% und die Spermamenge wird ebenfalls weniger. Zusätzlich ist das Risiko von Gendefekten bei alten Vätern ebenso erhöht wie bei alten Müttern. Wunderbar nachzulesen gibt es das hier:

Der Fruchtbarkeitsblog

Und wie ist es denn nun ein Kind zu haben?

Was ich dem Kollegen erzählt habe? Die Wahrheit, am Schluss hat er ein bißchen geweint.

Ich habe mir ja auf die eigene Fahne geschrieben, dass Muttiglück ungeschminkt sein soll. Kein süßliches Gejubel. Na gut, dann mal Butter bei die Fische. Wie es ist Mutter zu sein?

Mutter zu sein ist das Schönste, das ich erlebt habe, auch wenn es weh tut und oft nach Scheiße riecht.

Schön. Etwas ganz besonderes, eine wunderbare, beglückende Erfahrung, die allerdings so groß ist, dass ich sie manchmal nicht ganz bewältigen kann.

Man zahlt einen hohen Preis. Volle Fremdbestimmung (den meisten Frauen gehört durch Schwangerschaft und Stillen für Jahre nicht mal mehr ihr eigener Körper), Schlafentzug, unfassbar große Verantwortung. Riesige Erwartungen, Herausforderungen und keiner kann einem verdammt nochmal beibringen, wie das eigentlich geht, ein Kind zu haben! Plötzlich muss man beobachten, seinem Bauch vertrauen, beginnt ganz neue Wesenszüge an sich zu beobachten (auch viele die man nicht mag).

Aber da ist so viel Lachen, so viel Stolz, so viel Glück, so viel Kuscheln und warme Wohligkeit, dass man es manchmal kaum glauben kann, wie schön das ist als Eltern.

Das ist eine wirklich seltsame Mischung. Eine riesige Bürde, die man nicht loswerden will. In Momenten, wo ich das Mutter sein verfluche (und ja, die gibt es häufiger) bin ich immer noch so glücklich, Mutter genau dieser großartigen Tochter zu sein, das ist für mich nicht zu ersetzen.

Ich glaube meine Tochter merkt manchmal, dass mir die Mutterrolle nicht grade auf den Leib geschrieben wurde. Ich hoffe mehr als alles auf der Welt, dass sie gleichzeitig weiß, wie sehr ich sie liebe. <= Das war die Stelle für ein Tränchen der Rührung für den jungen Mann, by the way.

„Unser Alltag ist ihre Kindheit“

Ein beliebter Spruch unter Supermuttis. Geht’s noch, habe ich gebrüllt, als ich das gelesen habe. Wieviel Druck kann man noch aufbauen?

  • Ich beherrsche meinen Alltag nicht immer, also mache ich eine chaotische Kindheit für meine Tochter?
  • Ich bin schnell genervt, also verbringt sie ihre Kindheit mit einer genervten Mutter?
  • Ich brauche Pausen, also ist die Kindheit meiner Tochter geprägt von meiner Abwesenheit?

Also los, entzaubern. DIE KINDHEIT ist der Alltag von Kindern mit ihren Eltern. Schon besser für mich.

Wir machen es uns so schön wie möglich, wir ermöglichen ihnen was geht, wir sind aber Menschen.

Auch wir Eltern. Und ja, wir streiten manchmal, manchmal sogar öfter mal. Aber hey, wir sind Menschen. Wenn ich etwas tue, was nicht Ok ist oder für meine Tochter belastend sein könnte, bespreche ich das mit ihr. Wie ich es auch mit meinem Mann bespreche. Vielleicht ist ihre Kindheit nicht so fröhlich und unbeschwert wie ich das gerne hätte. Aber wenn ich zurückblicke, war mein Alltag als Kind auch nicht immer zuckersüß, ich würde aber immer sagen meine Kindheit war schön. Also bitte ihr Supermuttis, haltet an Euch mit solchen Sprüchen und potentielle Eltern, legt Euch ein dickes Fell zu, das braucht man! Ein Kind zu bekommen, heißt Druck von so ziemlich allen Seiten auszuhalten.

Was waren die schwierigsten Momente als Mutter?

Am Anfang habe ich mich wirklich schwer getan zu verstehen, dass es dieses Mutter-Ding sein würde, das mir das erste Mal im Leben meine körperliche und psychische Belastungsgrenze zeigen würde. Die ersten Monate mit Kind waren für mich wahnsinnig fordernd, weil ich keine Elternzeit hatte.  Sondern ich dachte mit Baby im Homeoffice wäre ne gute Sache. Aber das wollte ich nicht so ausbreiten in dem Gespräch über das ich hier berichte.

Was ich dem Kollegen auf diese Frage geantwortet habe? Ich habe ihn sehr erstaunt, keine Geschichten über volle Windeln oder Schlafmangel, über Brei auf der Tapete oder Feuerwehrmann Sam.

Es gibt genau zwei Situationen, denen ich wirklich hilflos gegenüber stand, alles andere ist nervig, aber wirklich Pillepalle gewesen:

  • Einmal, als ich meine Tochter das erste Mal so richtig angebrüllt habe und in ihren Augen gesehen habe, dass sie Angst vor mir hatte.  Da habe ich mich mehr geschämt, als ich es bis dahin für möglich hielt. Was sich seit dem geändert hat? Mein Bewusstsein. Ich kriege es immer noch nicht hin ohne laut zu werden, das ist einfach so tief in mir drin. Aber ich bin mir bewusst, was das in ihr auslösen kann und wie es sich für sie anfühlen muss. Das bewahrt uns vor sehr viel Bösem.

 

  • Damals, als mein 3 jähriges Kind plötzlich, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden war. Auf dem riesigen Friedhof, wo man durch die Grabsteine einfach nicht weiter als 5 Meter sieht und es unendlich viele Wege gibt. Schweiß gebadet, bin ich 30 Minuten lang brüllend über den Friedhof gelaufen, habe ein Fahrrad geklaut um einen größeren Radius zu haben, habe jeden Passanten angesprochen, damit möglichst viele Leute mitsuchen, hatte keine Luft zum atmen und ich habe mir verboten Angst zu haben, um mehr auf die Suche fokussiert zu sein. Nach einer halben Stunde informierte mich eine nette ältere Dame, dass ein kleines blondes Mädchen mit Gießkanne ungefähr einen Kilometer entfernt gesehen wurde. Wir saßen 10 Minuten eng umschlungen auf einer Bank, beide heulend wie Schlosshunde und mir wurde bewusst, was es bedeuten würde, wenn meiner Tochter etwas passiert.

Traut Euch! Auf geht’s, ein Kind zu haben ist wirklich toll!

Das Fazit? Wenn Du die irrste Erfahrung, die in einem Menschenleben möglich ist, nicht verpassen willst dann los! Wenn Du erleben willst, bedingungslos geliebt zu werden, mit allen wundervollen Gefühlen und der dazu gehörigen Verantwortung, dann hopp. Wenn Dir klar ist, das Nerven und Schlaf auch nicht alles im Leben sein können, dann trau Dich. Wenn Du Dich selbst wirklich kennen lernen möchtest, dann geh da durch. Aber warte nicht zu lange, sonst nimmst Du Dir vielleicht selbst die Chance dazu.

 


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