Sätze, die ich nicht mehr hören kann, seit ich eine Mutter bin

Satz 1 „Bei Euch geht das nicht anders, aber…“

Wir…. benutzen Stoffwindeln… lassen unser Kind nicht impfen… backen Dinkel-Hirse Kringel, damit es nicht immer Brezen gibt… haben nur Holzspielzeug… tanzen morgens nackt mit der Kleinen durch die Wohnung… geben unser Kind erst mit 2 in die Kita…. Beschwören jede Durchfallwindel bei Vollmond, unter einer brennenden Eiche… Aber klar, bei Euch geht das nicht anders.

Ich kann sie nicht zählen, die Glanzmütter, die mich mit solchen Sprüchen bombardiert haben, weil wir uns entschieden hatten, dass ich sehr früh wieder arbeiten gehe. Sicher kann man sagen, bei uns ging das nicht anders, ich war die mit dem Einkommen in der Familie zu dieser Zeit. Aber seien wir ehrlich, man kann immer anders, zum Beispiel von viel weniger Geld leben, oder mein Mann hätte sein Studium abbrechen können und irgendwie Kohle ranschaffen. Wir haben uns entschieden, den rückblickend wirklich harten Weg zu gehen, dass ich direkt nach dem Mutterschutz wieder arbeiten gehe. Mit einer ziemlich großzügigen Homeoffice-Regelung meines Arbeitgebers. 2 Tage im Office, der Rest von zuhause. Und ja Mütter und Väter wissen, dass das so unfassbar viel uncooler ist, als es klingt.

Es hat mich emotional wahnsinnig mitgenommen, das Baby morgens zu verlassen. Wie sehr hatte ich damit zu kämpfen, alles anders zu machen, als meine Mutter es gemacht hätte. Alle erlernten Werte über Bord zu werfen. Wie erleichtert war ich, als ich 8 Monate nach der Geburt gemerkt habe, dass die Kita keine Verwahranstalt ist, sondern in unserem Fall ein wirklich liebevoller Ort, an dem sich das Kind sehr gut entwickelt hat. Man kann sagen, ich war ausreichend mit meinen eigenen Bedenken beschäftigt und hätte diese Sätze meiner Umwelt nicht gebraucht…

Belohnt wurde meine „super emanzipatorische Entscheidung“, nämlich mit einem Geschwader an Müttern und „irgendwann gerne“ Frauen, die mir ungefragt erzählten, was sie tun oder zu tun gedenken, immer verziert mit einem geheuchelten „bei Euch geht es ja nicht anders“.

Das dieser Satz bedeutet: „Du tust etwas wirklich Schlimmes, das Deinem Kind schaden wird, aber irgendwie sind Eure Lebensumstände zu chaotisch, für ein besseres Leben für Dein Kind“, kam nicht zu Sprache. Und ich war auch echt zu beschäftigt, um mich zu wehren. Ach ihr Lieben, mit meinem Mittelfinger schreibe ich an mein schmutziges Wohnzimmerfenster: Bisher entwickelt sie sich prächtig… obwohl es bei uns ja nicht anders ging. Und ich verziere die Buchstaben mit geheuchelten Herzchen auf den Umlauten.

Satz 2 „Vom wem sie das nur hat?“

Meine Tochter hat tatsächlich einen auffällig großen Wortschatz, den sie ausführlich trainiert und erweitert. So könnte man es sagen.  ? Man kann auch sagen, sie hat immer das letzte Wort, hält eigentlich nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg, diskutiert jeden Vogelschiss und streitet den ganzen Tag. Ich erfreue mich aufrichtig an ihrer Intelligenz und daran, dass dieses gerade knapp fünfjährige Mädchen schon wirklich gut argumentieren kann, aber manchmal bin ich auch unfassbar angestrengt davon. Bei uns wird nichts, aber auch gar nichts einfach so gemacht. Es gibt Tage, da ist morgens jedes Kleidungsstück das angezogen werden muss, mit einem verbalen Kraftakt verbunden, als einzige Alternative bleibt es, das Kind anzubrüllen. Gottseidank gelingt es mir immer besser, nicht auszuflippen.

Wann immer ich in meinem Umfeld über solche Wortgefechte berichte, die Antwort ist GRUNDSÄTZLICH: „Von wem sie das nur hat?“

Dazu sage ich mal hier: Leute ja, ich verstehe Euer Bild, klar bin ich eine Person die Dinge eher anspricht, als sie zu verschweigen, man kann sicher mit mir hervorragend streiten und ich bin häufig nicht verlegen, um eine sprachliche Pointe. Aber mal im Ernst. Der direkte Vergleich an dieser Stelle? Mit meiner bockigen Tochter? Das stellt mein Verhalten auf eine Stufe mit einem Kind zwischen Posttrotzphase und Präpubertät.

Das ist nicht Euer Ernst, oder?

Ich habe, wenn ich bei Euch zu Besuch bin, noch nie heulend in der Ecke gelegen, weil ich die rote Seite vom Apfel essen sollte. Oder habe ich? Ach ja, letztens als wir im Kaffee waren und ich zwei Stunden lang bockig war, weil ich nicht auf dem Stuhl am Fenster sitzen durfte. Und wer mich morgens bittet, nicht den roten Pulli anzuziehen, weil der ein Loch hat, dem werfe ich auch nicht am selben Abend vor, ich dürfe wohl nie meine Kleidung selbst auswählen…. Oder täusche ich mich da?

Satz 3 „Jedes Kind ist anders“

Ja sicher ist jedes Kind anders und Entwicklungsschritte sind nie zu vergleichen. Das mag einfach daran liegen, dass jedes Kind ein Mensch ist. Die Entwicklungsphasen eines Kindes sind tausendfach erforscht, belegt, beobachtet und immer wird dann unter der vergleichenden Tabelle darauf hingewiesen, dass natürlich jedes Kind seine Entwicklung individuell durchläuft. Warum verunsichert man dann Eltern mit diesen tausenden vergleichenden Tabellen? Warum gibt es unter Eltern permanent diese Benchmark-Gespräche? „Meiner konnte sich mit 11 Wochen schon selbst drehen und wenn er hätte laufen können, wäre er sicher selbst duschen gegangen“ Und wenn schon Benchmark sein muss, warum habe ich noch nie eine Mutter prahlen hören “Meiner rülpst und furzt schon so laut wie sein Vater”?

Wir Erwachsenen würden es uns verbitten, wenn wir permanent vorgehalten bekämen, wie gut zum Beispiel der durchschnittliche Erwachsene rechnen kann. Ich sag es ganz offen, in Sachen Zahlen liege ich klar unter dem Durchschnitt.  Oder in Sachen Kuchen backen, liege ich in meinen Fähigkeiten ganz deutlich hinter jedem Herdbesitzer der Republik. Ich kann Rührteig. Punkt. Und selbst den lasse ich manchmal die Backmischung machen, weil ich sonst unfassbar gestresst bin.

Unsere Tochter war in allen gängigen Entwicklungsschritten relativ weit vorne, aber ich habe tatsächlich viele Gespräche mit Eltern geführt, denen es etwas peinlich war, dass unser Kind besser laufen oder klettern konnte. Was für ein Quatsch. Wen interessiert das in 20 Jahren? Immer enden solche Gespräche dann mit einem „jedes Kind ist anders“. Sicher Leute, ist es. Dann hören wir doch einfach mit den Vergleichen auf. Es gibt viele Sachen, die kann mein Kind noch nicht so gut, wie Eures. Mir ist das völlig egal, es stört mich ja auch nicht, dass ich mir keine Pin-Nummern merken kann.

In einigen Jahren wird sich herausstellen, wer gut klar kommt im Leben. Das finde ich wichtig. Mir wurde zum Beispiel in meinem Berufsleben schon immer sehr viel Geld anvertraut, obwohl ich für einen simplen Dreisatz die Hilfe von Kollegen brauchte. Ich kann also viel besser meine Mankos in Bewerbungsgesprächen verschleiern, als viele andere. ?

Satz 4  „Wenn ich Dir mal einen kleinen Tipp geben darf?“

Nein. Darfst Du nicht, ich habe Dich nicht nach einem Tipp gefragt, möchte ich sagen. Warum denkt eigentlich alle Welt, selbstständige, intelligente Frauen, die im Leben stehen, wären plötzlich hilflos und aufgeschmissen, nur weil sie sich entschieden haben Mutter zu werden? Vorher habe ich nur äußerst selten ungebetene Ratschläge bekommen. Wenn ich einen Rat brauche, frage ich. Es geht gar nicht darum, dass man durch so einen Ratschlag auch immer kritisiert wird, es geht um Überheblichkeit und selbstgerechtes Gequatsche. Am besten in Erinnerung geblieben ist mir Rosalie, eine Kita Mammi, die mir mal den Tipp gegeben hat, dass ich meiner Tochter doch einfach die Jacke anziehen soll, als täglich mit viel Mühe zu versuchen, dass die das selbst erledigt. Danke Rosalie, da wäre ich nicht drauf gekommen.

Aber wenn ich Euch mal einen kleinen Tipp geben darf, in Sachen Kinderzimmer-Kunst. ? Der tolle zugetextete Pirat, stammt von Budenfein (Kati Wegmann), die in ihrem Etsy Shop unfassbar tolle Printables anbietet. Ihr kauft die Datei und druckt das Bild worauf ihr wollt. Los. Macht Euren Zwergen die Buden fein!

Budenfein

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